X

Beliebte Themen

Pro und Contra: Trash TV

Die Mutter des Trash TV

Nun heisst es wieder: «Ich bin ein Star – holt mich hier raus!» Doch muss man Trash TV gut finden, nur weil es alle schauen? Von «Eeeeendlich!» bis «Nicht schon wieder!»

10. Januar 2020

Die Fans haben sich den 10. Januar 2020 schon lange im Kalender dick angestrichen: «Ich bin ein Star – holt mich hier raus!» geht schon in die 14. Runde. Traditionell zu Jahresbeginn fahren Sonja Zietlow und Daniel Hartwich in den australischen Regenwald, um Promis zu schikanieren, die mutig oder verzweifelt genug sind, sich nicht nur Ekel-Aufgaben zu stellen, sondern auch dem Big-Brother-Psychoterror im Camp. Das Erfolgsformat ist die Mutter des deutschen Trash TV: 2019 erzielte das Finale sagenhafte 36,7 Prozent Marktanteil mit bis zu 7 Millionen Zuschauern. Doch muss man Trash TV gut finden, nur weil es alle schauen? Zwei gegensätzliche Meinungen.

Guilty Pleasure

Claudia Hierholzer

Die Mediamatikerin verabschiedet sich immer wieder in die Tiefen des Trash-TVs. Dabei ist es egal, ob Bachelor, Dschungelcamp oder Love Island. Wo TV-Drama wartet, ist sie nicht weit.

Kurz vor Ende des Jahres kommt immer diese nervöse Vorfreude auf. Nicht etwa, weil Weihnachten und Silvester vor der Türe stehen, sondern weil es bald wieder durch den Wald ruft «Ich bin ein Star - holt mich hier raus!». Im Dezember kommen die ersten Gerüchte auf, welcher Trash-Promi bald in den berüchtigten Dschungel einziehen wird und die Vorfreude wächst von Tag zu Tag. Dass der Titel «Promi» meist sehr grosszügig verliehen wird, ist mir übrigens komplett egal. Solange die «Promis» selbst von diesem Status überzeugt sind, kann es nur gut werden. 

Meine Fernsehliebe hat es in der Gesellschaft schwer. Überall verpönt aber komischerweise kennt dann doch jeder das ein oder andere Format oder spricht plötzlich vom Skandal aus der vergangenen Sendung. Ich hingegen stehe offen dazu, dass ich mich gerne vom Trash TV berieseln lasse. Einerseits steckt doch in jedem von uns ein kleiner Voyeur, der wenigstens ab und an gefüttert werden will. Andererseits ist nichts entspannter, als nach einem stressigen Tag die Lieblings-Trash-Sendung einzuschalten und einfach den Kopf durchzulüften. Und um das Vergnügen noch auf die Spitze zu treiben, kann ich mich in meinem Freundeskreis auf treue Trash-TV-Liebhaberinnen verlassen, mit denen die wöchentliche Dosis voyeuristischer Befriedigung schon zum festen Bestandteil unserer Freundschaft wurde.

Wenn sich die polarisierendsten Charaktere des vergangenen Trash-TV-Jahres also am Lagerfeuer – das dieses Jahr wegen der schlimmen Buschfeuer in Australien jedoch nicht entzündet wird – versammeln, sitze ich gebannt vor meinem Fernseher und warte auf die ersten Dschungelprüfungen. Dieses Jahr werden übrigens keine lebenden Tiere an die hungernden «Stars» verfüttert – RTL kam zum Schluss, dass sich dies nicht mehr schickt. Finde ich nicht nur den Tieren zuliebe super, sondern auch, weil dies die einzigen Sendeminuten waren, die ich mir nicht ansehen konnte.

Dass RTL ihre Dschungel-Promis mit diversen Trash-Formaten gleich selbst heranzüchtet, kommt mir unter dem Jahr entgegen. Sei es «Bachelor», «Love Island» oder «Sommerhaus der Stars» mein Herz schlägt schneller, wenn ich nur die Namen höre. 

Dass bei diesen Sendungen immer gerne getrickst wird und nicht immer alles so war, wie es dargestellt wird, ist mir übrigens durchaus bewusst, meiner Unterhaltung schadet es aber nicht. Denn sind wir ehrlich: Auch bei einem Hollywood-Film lassen wir uns von einer fiktiven Geschichte berieseln. Das Abendprogramm von RTL mag keine Emmy-Nominierung erhalten, aber unterhalten tut es mich allemal!

Verlorene Zeit

Fabian Kern

Der Coopzeitungs-Redaktor ist ein Fernsehkind, hat aber eine Abneigung gegen trashige Reality-Formate. Wenn schon Trash, schaut er lieber B- oder C-Movies. Die sind wenigstens absichtlich schlecht gemacht.

Das ganze Elend fängt ja schon beim Titel an: Stars? Hand aufs Herz, wie viele dieser meist tief gefallenen, um Bekanntheit und Kohle kämpfenden Menschen dürfen sich wirklich so nennen? Meines Erachtens ist das beim Jahrgang 2020 nur Sonja Kirchberger und mit Abstrichen noch Boxer Sven Ottke. Okay, für Soap-Fans gebe ich noch Raúl Richter dazu, aber damit bin ich schon sehr grosszügig. Nur eine geringe Minderheit der Teilnehmer schafft es, aus diesem Format wenigstens einen Bruchteil der eigenen Würde zu retten. Der Rest wird gnadenlos der Häme von Moderatoren und TV-Publikum ausgeliefert. Und da wären wir auch schon bei meinem grundsätzlichen Problem mit diesem und vergleichbaren Formaten. Denn egal, ob «Bachelor», «Big Brother» oder «Adam sucht Eva»: Alles dient der Befriedigung des Voyeuristen in uns. Natürlich kann man nun sagen, dass die Kandidaten wissen, worauf sie sich einlassen und man sie deshalb guten Gewissens auslachen darf. Aber sind sich diese armen Seelen auch des ganzen Ausmasses des Psycho-Striptease bewusst? Oder noch schlimmer: Wissen sie es, liefern sich aber trotzdem aus, weil sie Geld oder Screen-Time brauchen?

Ich gebe es zu: Die ersten zwei Staffeln des Dschungelcamps habe ich auch gesehen. In der Anfangszeit auch die eine oder andere von «Bachelor». Es funktioniert bei mir wie bei jedem, denn man wird innert Kürze angefixt. Doch irgendwann machte ich Schluss damit, weil mir meine Zeit zu schade war. Und seither empfinde ich nur noch Mitleid für jene, die sich in solchen Formaten erniedrigen müssen. Und ein ganz klein wenig Schadenfreude jenen seltenen Promis gegenüber, die ich noch kenne und nicht mag.

Ihr könnt noch immer nicht verstehen, was ich am Dschungelcamp nicht mag? Dieses Video gibt Aufschluss: