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Remakes: Top oder Flop?

Von Kult bis Unsinn

02. Januar 2020

 

Im Kino

Charlie's Angels

Filmstart: 2. Januar 2020
Land: USA 2019
Länge: 118 Minuten
Besetzung: Kristen Stewart, Naomi Scott, Ella Balinska, Elizabeth Banks
Regie: Elizabeth Banks

Wir schrieben das aufregende Jahr 2000, als der aufstrebende Regisseur McG beschloss, eine TV-Serie aus den 70ern und 80ern wiederzubeleben: «Charlie's Angels» («Drei Engel für Charlie»). Das Risiko war gross, den Fans jener Serie die Freude zu vergällen, aber andererseits bestand die Chance, im neuen Jahrtausend neue Fans zu finden, die das Original bestenfalls vom Hörensagen kannten. Das Experiment gelang – nicht zuletzt, weil er die drei Engel mit drei der damals angesagtesten weiblichen Stars besetzte: Cameron Diaz, Lucy Liu und Drew Barrymore. Drei Jahre später wurde gar ein Sequel gedreht. Nun sind wieder zwanzig Jahre ins Land gezogen, und die umtriebige Schauspielerin/ Produzentin/Autorin/Regisseurin Elizabeth Banks hat sich gesagt: Wenns einmal funktioniert hat, warum nicht ein zweites Mal? Doch leider, leider war das ein tiefer Griff ins Klo. Von den Engeln verdient einzig Kristen Stewart das Label «Star», Patrick Stewart als abtretender Alt-Bosley gibt sich der Lächerlichkeit preis, Bösewicht Sam Claflin ist ein Witz und die ganze Geschichte trotz zahlreicher Actionszenen an noch zahlreicheren Schauplätzen auf drei Kontinenten zum Gähnen. Da können auch die zahlreichen Referenzen an die Vorgänger-Produktionen sowie ein Cameo-Auftritt des gesichtsplastisch verunstalteten Ur-Engels Jaclyn Smith nichts mehr retten.

 

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Doch keine Angst, Frau Banks, damit sind Sie nicht allein! Das Remake ist ein ganz heisses Eisen, an dem man sich nur allzu schnell verbrennt. Der Unmenge verunglückter Neuauflagen steht eine deutlich kürzere Liste an Titeln gegenüber, die dem Original ebenbürtig sind oder dieses gar übertreffen. Ich habe eine Auswahl zusammengestellt – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Leider nein

In Hollywood lässt sich in den letzten 20 Jahren ein negativer Trend hin zu immer mehr Remakes und Sequels feststellen. Negativ deshalb, weil sie logischerweise ständig mit dem Original verglichen werden (und wäre das Original nicht gut, würde man kein Remake drehen...). Eine der schlimmsten Neuauflagen der Geschichte wurde allerdings noch im alten Jahrtausend verbrochen. Der hoch angesehene Regisseur Gus van Sant hatte 1998 die fatale Idee, mit «Psycho» einen ganz grossen Klassiker neu zu verfilmen. Doch nicht etwa in einer neuen Fassung, sondern Bild für Bild, Szene für Szene exakt wie Alfred Hitchcocks Geniestreich aus dem Jahr 1960, einfach in Farbe mit einem neuen Cast. Oje! Überhaupt hat das Horror-Genre die meisten Remakes auf Lager – entsprechend viele davon unnötig oder langweilig. Herausragend in negativer Sicht sind «The Fog» (2005; dieser Nebel ist wirklich zum Grauen!), «A Nightmare on Elm Street» (2010; es gibt nur einen Freddy Krueger), «Carrie» (2013; sorry, Julianne Moore!) oder die Horrorversion des witzigen Grusel-Abenteuers «The Mummy» (2017; Brendan Fraser schlägt Tom Cruise durch technischen K.o.).

Auch im Bereich Science Fiction und Comicverfilmungen sind schon einige Sünden begangen worden. Dort zeichnet sich ein ganz simples Muster ab: Humor wird durch grimmige, blutige Gewalt ersetzt – gesehen in «Rollerball» (2002), «Dredd» (2012) und «Robocop» (2014). Andere sind einfach schlecht («Fantastic Four», 2015), unnötig («The Amazing Spider-Man», 2012 und «Spider-Man: Homecoming», 2017 – wie viele denn noch?) oder haben absolut nichts mehr mit dem Original zu tun («Total Recall», 2012). Letzteres ist ein besonders unverständliches Phänomen: Warum macht man ein Remake, wenn man das Original nicht berücksichtigt? Von schlechten Remakes ist übrigens kein Genre gefeit, weder der Monsterfilm («Godzilla», 1998) Historienfilm («Ben Hur», 2016) über Fantasy («Conan», 2011), noch der Abenteuerfilm («In 80 Tagen um die Welt», 2004), Action («Point Break», 2015; «Death Wish», 2018), Thriller («Flatliners», 2017), Krimikomödie («Ladykillers», 2004) noch die Komödie («Verliebt in eine Hexe», 2005).

Hell, yes!

Wie angekündigt, wirds nun überschaubarer. Dennoch möchte ich die gelungenen Remakes nicht unerwähnt lassen, denn das ist nun wirklich die hohe Schule des Filme- oder Serienmachens. Denn für das aktuellste verunglückten Paradebeispiel «Charlie's Angels», bei dem aus einer Erfolgsserie ein schlechter Film gemacht wurde, gibts ein Gegenstück. Zwar war «The Fugitive» über den zu Unrecht des Mordes verdächtigten Dr. Kimble keineswegs erfolglos, sondern in den 60ern ein wahrer Strassenfeger. Aber das hochspannende Kino-Remake mit Harrison Ford toppte das gar noch und spielte 1993 weltweit fast 370 Millionen US Dollar ein. Das umgekehrte Kunststück, aus einem erfolgreichen Kinofilm eine tolle Serie zu machen, gelang in den letzten Jahren gleich zweimal: Einerseits wagte es Autor Noah Hawley mit «Fargo» (2014; auf Netflix), ein zweifach Oscar prämiertes Meisterwerk der Coen-Brüder in eine eigenständige, aber genau den schwarzhumorigen Stil treffende Thrillerserie umzusetzen. Andererseits schaffte Matthew Miller mit der Actionkomödienserie «Lethal Weapon» (2016) das Kunststück, dass man die Namen Martin Riggs und Roger Murtaugh nicht mehr automatisch mit den Gesichter von Mel Gibson und Danny Glover koppelt, sondern vielleicht sogar zuerst mit jenen von Clayne Crawford und Damon Wayans.

Der vielleicht beste Grund für eine Neuverfilmung ist der technische Fortschritt. Das demonstrierte Disney in den letzten Jahren mit den atemberaubenden Realverfilmungen der eigenen Zeichentrick-Klassiker, aus denen «Das Dschungelbuch» (2016) und «The Lion King» (2019) herausragen. Aus demselben Grund entschloss sich «Lord of The Rings»-Regisseur Peter Jackson zu seiner gelungenen Neufassung von «King Kong» (2005). Er reüssierte damit in einer besonders schwierigen Kategorie, jener der bereits mehrfach verfilmten Stoffe. Gelungene Beispiel hierfür: «Godzilla» (2014) und «A Star Is Born» (2018). Und natürlich gibt es auch im beliebten Horror-Genre gelungene Beispiele: «The Thing» (1982), «The Ring» (2002; sogar besser als das japanische Original) oder «Dawn of The Dead» (2004). Schliesslich sind noch die packenden Western «3:10 to Yuma» (2007; mit Christian Bale und Russell Crowe) und «True Grit» (2010; Meisterwerk der Coen-Brothers) sowie die genialen Thriller «Cape Fear» (1991; mit Robert de Niro) und «The Manchurian Candidate» (2004; mit Denzel Washington) zu nennen.

Die Liste der positiven Beispiele zeigt: Ein recycleter Stoff muss nicht minderwertig sein – manchmal lohnt sich das Risiko.