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Begegnung

High im Hochland

Er hebt ab und sie geht in die Luft.

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19. September 2011

Steven Schneider: Hilflos liege ich am Ende der Welt auf dem Rücken. Mir fällt Gregor Samsa ein, der sich in Kafkas Erzählung vom Handlungsreisenden über Nacht in einen Käfer verwandelt. Schullektüre, die ich noch nicht vergessen habe.
Mein Rücken schmerzt wie die Hölle. Die Ambulanz würde gleich da sein, hatte der Hotelmanager gemeint. Soll ich Schreiber anrufen? Doch was soll ich sagen? Alles bestens Süsse, habe wohl einen Bandscheibenvorfall, aber keine Sorge, es kommt gleich der Krankenwagen. Oder: Heute Nacht brauchte ich fünfzehn Minuten für die vier Meter zur Toilette. Jetzt brauche ich eine Bettflasche.
Mist! Bis nach Hause sind es 2000 Kilometer. So hatte ich mir meine Reportagereise nach Flodigarry, im Norden der Hebrideninsel Skye, nicht vorgestellt. Schmerzhaftes Schottland!
Als die Sanitäter nach einer halben Stunde in meinem Zimmer eintreffen, spritzen sie mir nach kurzer Lagebesprechung Morphium. Sie spritzen zwei Mal nach, bis ich aufstehen und selber über einen Kiesweg vom Hotel zur Ambulanz gehen kann. Ich blicke über die dunkle und verregnete Küste, sehe die Sonne aufgehen, steige zu ihr hoch und spüre, dass Schottland ungeheuerlich schön ist.

Sybil Schreiber: Na endlich, denke ich, als mein Handy klingelt. Schneiders morgendlicher Anruf kommt heute reichlich spät, auf all meine SMS hatte er nicht reagiert. Na, wie gehts dir? Gut geschlafen?, frage ich unangestrengt vorwurfsvoll.
Jajadochdoch, höre ich ihn teilnahmslos sagen. Mir scheint, dass seine Zunge schwer ist. Er hat wahrscheinlich gestern ein bisschen viel Whisky degustiert
Dann lallt er: Schottland ist sooo schön. Vor dem Fenster ist der Old Man of Storr, und aus der anderen Scheibe sehe ich das Meer. Sooo blau.
So blau? Beginnt Schneider den Tag mit Hochprozentigem? Ist das seine Art, für eine Reisereportage zu recherchieren? Du musst jetzt nicht erschrecken, fährt er fort, was genau das Gegenteil bewirkt. Da höre ich Stimmen im Hintergrund. Er ist also nicht allein? Irgendeine schottische Malt-Tante hat ihn mit Alkohol betört, na warte!
Ich werde ins Krankenhaus gefahren.
Wie bitte?! Und das sagst du mir erst jetzt??? Was ist passiert? Ein Unfall? Ich komme sofort! Bist du gut versorgt? Oh Gott, Liebster, wie entsetzlich, meine Güte, mir ist ganz schlecht.
Schneider klingt nun nüchtern: Eben drum wollte ich es dir ja gar nicht sagen.