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Begegnung

Unvergessliche Meilensteine

Sie hasst sie, er liebt sie: Die Lager sind geteilt

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08. August 2011

Sybil Schreiber: Lager! Nur schon das Wort löst bei mir als Deutsche grosses Unbehagen aus. Aber in der Schweiz verbindet man damit lustige Ferienwochen. Und nun kommen unsere Kinder ins Alter, in denen sie das Lagerleben mit anderen Kindern suchen. Hoch im Kurs ist bei uns das Blauringlager. Zwei Wochen dauert das! Viel zu lang. Für mich jedenfalls. Ich verschiebe den Wunsch unserer Älteren um ein Jahr und biete ihr stattdessen eine andere Verlockung an: ein kurzes Reitlager zusammen mit ihrer kleinen Schwester auf dem Islandpferdehof in unserer Nähe.

Das ist vernünftig. Wegen dem Heimweh. Also wegen meinem Heimweh nach den Kindern. Ich selber war bloss einmal im Reitlager, mit meiner besten Freundin. Schon am ersten Nachmittag suchte sich meine beste Freundin eine andere beste Freundin, die besser reiten konnte als ich und schicke Reithosen hatte. Ich erinnere mich an fiese Gruppenleiterinnen, die uns nachts die Kellerräume wischen liessen, nur weil ein paar Tussis aus unserem Zimmer Zigaretten gepafft hatten. Kollektivstrafen, Heimweh,
Liebeskummer, Einsamkeit! Lager sind furchtbar! Doch die Kinder freuen sich. Und das Schlimmste: Schneider auch.

Steven Schneider: Höhepunkte meiner Kindheit: Die Skilager in Saas Grund, das Klassenlager Les Emibois, die Wanderwoche im Mendrisiotto: Die Eltern weit weg, dafür ein paar Franken Sackgeld mehr und - Mädchen. Erste Liebe, nächtliche Tuscheleien, Süssigkeiten ohne Ende und zum Schluss: der bunte Abend! Meilensteine auf dem Weg zur Erwachsenenwelt!

Genauso spannend wars, als ich die Seiten wechselte und als Junglehrer mit meinen Klassen Lager durchführte: Campieren auf dem Bauernhof, auf dem Velo durch die Schweiz, das Skilager in Davos, die locker gejoggten, nächtlichen Strafrunden mit den nimmermüden Buben durch Meiringen, die abenteuerliche Grosskochstelle über dem Feuer in Renan oder das Abenteuer Greina-Ebene mit Jugendlichen, die sonst neben der Discotanzfläche keinen Schritt zu viel taten. Unvergesslich, für alle Beteiligten!

Ach, ich beneide unsere Mädchen, sage ich. Das ist eine sehr wertvolle Erfahrung. Die müsste ja noch nicht sein. Sie sind ja erst zehn und sechs, antwortet Schreiber. Wieso soll ein Sechsjähriges keine Erfahrungen machen dürfen?,
frage ich erstaunt. Schreiber sieht unglücklich drein: Wer redet denn von den Erfahrungen der Kinder?