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Begegnung

Das Boot

Schreibersche Hoch- vs. schneidersche Engegefühle.

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28. Mai 2012

Sybil Schreiber: Wir besuchen meinen Bruder in München und machen alle zusammen einen Ausflug ins Bavaria Filmgelände! Es ist grandios: Wir werden durch die grossen Studios geführt und erleben Filmkulissen live. Bewundern den Wohnwagen der wilden Hühner, inspizieren das Büro der Münchner Tatort-Kommissare, klettern durchs Schiff von Wickie und den starken Männern.
Und dann kriechen wir durch ein perfekt nachgebautes Untersee-Boot aus dem Zweiten Weltkrieg. Beklemmende Kammern, null Privatsphäre, kleinste Durchstiege, alles eng und stickig. Monatelanges Eingepferchtsein auf allerengstem Raum, und das nicht auf, sondern unter Wasser! Horrorr!, denke ich und bin froh, wieder draussen zu sein. Ich atme die frische Luft ein. Da fragt mich mein Bruder ganz nebenbei, ob ich die alte Holztruhe unseres Vaters mit in die Schweiz nehmen wolle, die sei doch toll und praktisch und überhaupt, eine Truhe könne man immer brauchen.
Stimmt, denke ich, als endlich Schneider aus dem weltberühmten Boot kraxelt. Er wirkt ein bisschen mitgenommen, hält sich den Kopf. Ich rufe lachend: Na, bist du froh, dass du nicht in einem U-Boot leben musst?

Er knurrt: Warum? Ich fühlte mich eben wie zu Hause!
Steven Schneider: Ich schlage mir zum dritten Mal den Kopf an einer Koje an, fluche und denke spontan an das Gummiboot meines Bruders. Besser: an sein gigantisches Ex-Gummiboot, denn jetzt liegt es bei uns im Schopf, zusammengefaltet in einem monströsen schwarzen Sack, der den letzten Rest Bodenfläche besetzt.
Über dieses Ungetüm steige ich seit einem Jahr. Damals schleppte Schreiber das Boot, zur Freude meines Bruders und gegen meinen Willen, aus seiner Garage. Er hat wieder Platz und Schreiber träumt seither von einer Bootsfahrt auf dem Rhein, was ich zu gefährlich finde. Ich brauche sicheren Boden unter meinen Füssen.
Als Mahnmal unserer Uneinigkeit steht das Boot nun also im Weg herum. Ich könnte es ja wegräumen. Bloss: wohin? Daneben ist nämlich ihr Kinderpult platziert, ausserdem ein Kinderbasteltisch samt Stühlchen, zwei Kettcars, die ihr Vater repariert hat, vier alte, gewöhnliche Stühle aus dem Keller ihres Vaters, mehrere alte Matratzen, zu denen ihr Vater Holzliegen geschreinert hätte.
An all das denke ich, während ich mich durch den engen Gang eines U-Bootes zwänge. Und dabei fällt mir spontan ein, unseren Schopf der deutschen Marine als Trainingsgelände anzubieten.

(Coopzeitung Nr. 22/2012)