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Begegnung

Das Zelt

Sie baut ein gemütliches Nest, das sie gar nicht bezieht.

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18. Juni 2012

Sybil Schreiber: Wenn die Tage am längsten sind und das Abendlicht die Sterne küsst, übernachten wir mit Freunden unter freiem Himmel. Das machen wir auf einer nahen romantischen Waldlichtung samt Bauernhof, und zwar schon seit Jahren.
Ich liebe es jeweils, unser blaues Zelt, das über zwei Schlafkammern und ein kleines Entree verfügt, perfekt einzurichten. Natürlich ist es wichtig, dass das Dach wasserdicht ist. Doch ebenso wichtig ist mir ein gemütliches Innenleben: Deshalb nehme ich auch immer eine Menge Tücher mit, Teppiche, Kuschelkissen, Liegestühle, Fackeln, eine Miniküche samt Kocher, eine italienische Mokkakanne und sogar Porzellantässchen.
Ja, das ist Camping!
Sofern das Wetter mitspielt.
Schliesslich soll das Campieren Spass machen. Überlebenstraining ist nicht mein Ding. Schneider hingegen findet, wenn ich schon eine perfekte Camping-Infrastruktur hinstelle, müsse man sie auch nutzen. Egal, obs donnert oder stürmt.
Das sehe ich anders: Denn das Zelt liegt nur einen Katzensprung von meinem komfortablen Bett daheim entfernt. Bei Regen lass ich das Zelt deshalb allein auf der Lichtung, gönne mir eine Nacht im Trockenen und dann träume ich vom stilvollen Zelten.

Steven Schneider: Die Kinder freuen sich schon früh auf unser Zeltwochenende. Schreiber auch. Sie liebt es, unser Camping-Abenteuer zu zelebrieren. Dazu baut sie unseren Bus zur Wohnküche um, stellt souverän ein Vierpersonenzelt auf, gibt zackig Anweisungen: Hering hier, Hammer dort, Seil straffen!
Sie schleppt Kühlboxen, breitet Picknick- und andere Decken aus, nimmt Kissen mit, Matten und Windlichter und zaubert im Nu eine gemütliche Edelhöhle für uns hin. Mir würde ein stinknormales Zelt reichen. Denn mich fasziniert dies: Ums Feuer herum sitzen, Würste braten, in die Flammen starren und bis tief in die Nacht Geschichten erzählen.
Dann gehts in den Schlafsack.
Oder auch nicht.
Vor drei Jahren drohte in der Ferne ein Gewitter und Schreiber fand, es sei zu gefährlich im Zelt. Sie fuhr nach Hause. Vor zwei Jahren wurde Schreiber vom Heuschnupfen befallen und schlief spontan zu Hause.
Letztes Jahr tröpfelte es. Schreiber nannte es einen Jahrhundert-Taifun, malte sich Schlammlawinen und Erdrutsche aus. Triftige Gründe, um nicht im Zelt zu bleiben.
Und mir ist klar geworden: Schreiber liebt beim Zelten nicht das Outdoor-Feeling, sondern nur das Interieur-Design.

(Coopzeitung Nr. 25/2012)