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Begegnung

Gnadenloser Weckruf

Er will dösen, sie will diskutieren

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25. August 2012

Steven Schneider: Wer schreit da? Bin doch grad erst eingeschlafen! Während mir der Piepston des Weckers im Sekundentakt die Hörgänge durchsägt, stöhnt Schreiber. Mach das Ding aus, denke ich und vergrabe mich unterm Kissen. Endlich haut sie den Wecker still und seufzt laut: Ist das früh! Genau. Finde ich auch. Was für eine heimtückische Fluggesellschaft lässt ihre Maschinen um diese Zeit am Sonntag in Zürich landen? Und warum sind gute Freunde auf diesem Flieger, denen wir versprochen haben, sie abzuholen? Wir? Schreiber wars. Sie seufzt wieder. Auch wach? Brmpf, grunze ich. Sie sagt: Ich bin noch so müde. Ich habs gewusst! Sie erwartet jetzt garantiert, dass ich mitten in der Nacht zum Kavalier mutieren und sagen würde: Liebes, bleib liegen, ich fahre für dich zum Flughafen. Andererseits: Sie war heute Nacht schon mal auf, setzte sich ans Bett unserer Tochter, die Albträume hatte. Habe ich auch mitgekriegt, aber Schreiber war schneller, ich hatte keine Chance. Mein Gewissen flüstert mir zu: Komm, machs ihr zuliebe. Sie tut auch so viel für dich. Mist! Ich knurre: Also, dann halt. Sie antwortet gut gelaunt: Aber nein, mein Schatz, bleib nur liegen. Jetzt versteh ich gar nichts mehr.

Sybil Schreiber: Mensch, ist das früh! Ich strecke mich, mache rasch den Wecker aus, denn Schneider soll ja nicht aufwachen. Da höre ich ihn unterm Kissen grummeln. Ist er doch schon wach!? Der Ärmste, ist einfach kein Langschläfer mehr. Leidet womöglich unter präseniler Bettflucht. Ich hingegen bin so was von müde und könnte locker weiterpennen. Sachte drehe ich mich zu ihm: Auch wach?. Denn falls er es wirklich ist, dann überlasse ich ihm die Fahrt gerne. Wäre ja zu blöd, wenn ich mich mit Ach und Krach aus dem Bett kämpfe, zum Flughafen tuckere und er sowieso nicht mehr schlafen kann, womöglich aufsteht und den Sonntagmorgen arbeitend vor dem Computer beginnt. Er fährt doch so gerne in den Sonnenaufgang. Das würde ich ihm jetzt glatt gönnen. Ich blicke auf das, was ich unter dem Kissen sehe: ein stoppeliges, unbewegliches Kinn. Schneider schläft wohl schon wieder. Grad als ich aus dem Bett schlüpfen will, brummt ein: Also, dann halt! zu mir herüber. Wie aufmerksam! Er will mir zuliebe aufstehen. Ich sage freundlich, dass er das nicht müsse und weiterschlafen könne. Da murrt er: Wie denn, jetzt hab ich ein total schlechtes Gewissen. Und ich versteh gar nichts mehr.

(Coopzeitung Nr. 35/2012)