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Begegnung

Blitzlichtgewitter

Er sorgt für Ferienfotos, bevor sie dort sind.

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08. Juli 2013

Sybil Schreiber: Wir reisen frühmorgens los: Schneider am Steuer, ich daneben, die Kinder und unser Hund Lilla schlafen hinten zwischen Taschen, Zelt, Luftmatratzen und meiner grossen Kühlbox. Die Strassen sind frei, die Sonne geht auf, und im Radio singt Zucchero perfekt! Da blitzt etwas. Ich drehe mich um. War da ein Kasten am Strassenrand?

Das wird teuer. Zwei Fotos in einer Stunde!»

Du, wir wurden grad fotografiert, sage ich zum Mann am Steuer. Was, wo? Hier ist nämlich Tempo 50, nicht 60. Jetzt werd nicht gleich panisch, vielleicht hat dich nur die Sonne geblendet. Von wegen! Ein Blick auf den Tacho zeigt mir, dass er immer noch zu schnell fährt. Ich ärgere mich, doch dann, nach dem nächsten Tunnel, funkelt der Urnersee. Wie schön! Ich seufze, entspanne mich und sehe schon wieder einen Blitz.Das Funkeln steckt mich an: Mensch, kannst du dich nicht an die Verkehrsregeln halten?

Immerhin, Schneider bremst ab. Das wird sauteuer, zwei Fotos in einer Stunde!, schimpfe ich und ändere meine Rolle. Ich bin nicht länger entspannte Beifahrerin, sondern wachsame Copilotin: Ab sofort kommentiere ich jedes Verkehrsschild. Achtung, Spurverengung! Diesmal blitzt es wieder: und zwar zornig aus Schneiders Augen.

Steven Schneider: Ich bin jetzt Copilotin, ob du das willst oder nicht, erklärt Schreiber, während wir uns dem Gotthard nähern. Natürlich will ich das nicht: Schreiber ist als Copilotin keine gute Wahl. Copiloten künden dem Piloten an, mit welcher Höchstgeschwindigkeit er in die nächste Kurve fahren kann, ohne dass sich der Wagen überschlägt.

Schreiber als Copilotin? Keine gute Wahl.»

Nicht, dass ich das wollte. Ich bin kein Raser, sonst hätten wir etwas Rassigeres als einen VW-Bus. Andererseits würde ich mich schon gern schnell aus dem Staub machen, wenn ich höre: Hier ist 50. Da kommt ein Kreisel. Achtung, es kommt dir einer entgegen. Hallooo, das ist eine Kuhuuurveee! Bist du noch wach?

Ich versuche mich auf andere Gedanken zu bringen. Denke an meine Erfahrungen mit der Urner Polizei, die die freundlichste der Welt ist. Denke daran, einen Witz zu reissen und Schreiber zu erzählen, dass wir schon die ersten Ferienfötelis hätten, bevor wir angekommen seien. Dann rechne ich zusammen, was die beiden Bussen wenn es denn nicht Sonnenstrahlen waren kosten: 80 Franken, vermutlich.

Ehrlich gesagt, ist das nicht so viel. Ich würde jedenfalls mehr dafür zahlen, wenn es neben mir auf dem Sitz nur endlich still wäre.

(Coopzeitung Nr. 28/2013)