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Begegnung

Erholung nach Mass

Weil sie ruhen muss, entspannt er sich richtig.

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15. Juli 2013

Sybil Schreiber: Draussen lockt der italienische Sommer, alles liegt matt herum, sogar die Fliegen machen Pause. Die besten Voraussetzungen für einen erholsamen Nachmittag. Ich aber verbringe den ersten Ferientag im Friaul mit Fieber im Bett und einer Stimmung im Minusbereich.

Hoffentlich passt Schneider gut auf.»

Typisch! Kaum kann ich lockerlassen, packt mich die Grippe. Die letzten Monate waren in der Tat arg hektisch gewesen. Ich krieche tiefer unter die Decke, fröstle bei 30 Grad im Schatten und versuche mich zu entspannen. Schneider und die Kinder sind vor zwei Stunden losgezogen: an unseren Lieb-lingsfluss mit den Sandbänken, dem kalten, klaren Wasser, der starken Strömung!

Hoffentlich passt Schneider gut auf. Ich schicke ihm eine SMS es piepst auf seinem Nachttisch. Typisch! Er hat sein Handy hiergelassen. Ob er daran gedacht hat, die Kinder einzucremen? Denn auch die Nachmittagssonne brennt heiss. Ich werde ganz nervös. Im Haus herrscht Ruhe, in mir Unruhe. Was, wenn unser Auto im Sand stecken bleibt? Wenn irgendetwas schiefläuft?

Warum kann Schneider nicht wie jeder andere moderne Mensch sein Handy mitnehmen und mich beruhigen? Ich beginne zu schwitzen. Fieber? Nein, eher Angstschweiss!

Steven Schneider: Die Ferien gehen anders los als geplant: Schreiber liegt krank im Gästebett von Zia Ida. Das Fieber hat sie überfallartig niedergestreckt, wir haben Tee gekocht und sie getröstet.

Herrlich. Mein Glück ist perfekt.»

Dann fahren wir los. Meine beiden Mädchen, Hund Lilla und ich. Wir richten uns am Tagliamento ein, dem grossen Fluss in der Nähe, der durch ein breites Kiesbett fliesst.

Zuerst stürzen wir uns auf unser köstliches Picknick, danach baue ich mit Alma und Ida am Ufer aus Steinen eine Hafenanlage. Wir fangen Fischchen und Krebse. Während sich Alma später sonnt und genüsslich Musik hört, geht Ida, die Kleine, im Schilf auf Amphibien-Pirsch. Lilla schnüffelt im Flussbett umher. Die nächsten Leute sind weit entfernt. Herrlich! Ich ziehe mit meiner Kamera los und schiesse Fotos von dieser Idylle.

Als ich nachsehen will, welche Uhrzeit wir haben, stelle ich fest, dass ich mein Handy gar nicht dabei habe. Das macht mein Glück perfekt: Frei schwebend in Raum und Zeit, kann ich mich nicht erinnern, jemals einen solch entspannten Ferienbeginn erlebt zu haben, seit wir eine Familie sind. Eigentlich ganz gut, dass Schreiber sich im Bett erholen muss. Denn so erhole auch ich mich gewaltig.

(Coopzeitung Nr. 29/2013)