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Begegnung

Reine Geschmackssache

Er gibt seinen Senf dazu und ihr den Rest.

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17. Juni 2013

Steven Schneider: Schreiber hat köstlich gekocht. Selber marinierte Tofuschnitzel mit Zitronenpfeffer und Kurkuma, angebratene Frühlingszwiebeln, Trockenreis.
Im Augenwinkel sehe ich, wie meine ältere Tochter Ketchup aus der Flasche quetscht. Sie quetscht auf alles Ketchup und ich kommentiere das auch stets abschätzig, aber diesmal verkneife ich mir einen Kommentar, denn gleichzeitig schneidet sich Schreiber von der Kräuterbutter eine dicke Scheibe ab und legt diese auf den Reis.

So was: Welch ein kulinarischer Tiefflug!»

So was! Weder Ketchup noch Kräuterbutter gehören bei diesem Essen auf den Tisch.
Wozu fein kochen, wenn dann diese kulinarischen Tiefflieger draufgeklatscht werden?
Ich beobachte schaudernd, wie die Butter ins Schwitzen gerät und sich an den Rändern auflöst, die weissen Reiskörner hellgelb verfärbt und grün sprenkelt. Schreiber hingegen ist ganz fasziniert und führt eine volle Gabel des kontaminierten Reises freudig zum Mund. Doch dann passierts: Ihr Ausdruck verändert sich rasant von verzückt in angeekelt und daraufhin schiebt sie mit dem Besteck den restlichen gelbgrünen Reis an den Tellerrand. Die Kräuterbutter scheint scheusslich zu schmecken. Das wiederum finde ich ganz köstlich.

Sybil Schreiber: Reis allein ist fad. Darum bereite ich in der Regel eine Sauce zu. Heute aber hatte ich keine Zeit. Statt Rahm gönne ich mir Kräuterbutter. Als ich den ersten Bissen Reis im Mund habe, jaulen meine Geschmacksnerven auf: Das ist keine Kräuterbutter; das war mal eine. Jetzt schmeckt sie hundert Prozent nach Kühlschrank.

Das ist keine Kräuterbutter mehr; das war mal eine.»

Ich schiebe den betroffenen Reis zur Seite, deponiere den Rest Altbutter an den Tellerrand und ärgere mich. Denn ich hatte mich auf diesen salzigen Kräutergeschmack gefreut. Zu dumm, dass wir sie offen im Kühlschrank hatten rumstehen lassen.
Nach dem Essen, beim Geschirrabräumen, sagt Schneider: Butter muss man halt abdecken, sonst wird sie ranzig. Stimmt, antworte ich. Warum hast du sie also nicht mit Folie zugedeckt, wenn du das schon bemerkt hast? Wieso ich? Wieso nicht? Weil ich nicht für die Kräuterbutter verantwortlich bin. Ich mag keine Kräuterbutter, sagt er. Ach, heisst das also, jeder kümmert sich nur darum, was er gern isst? Genau. Mir ist das Schicksal von Ketchup, Nutella und Kräuterbutter vollkommen egal. Na gut, dann darf Schneider aber auch nicht immer seinen Senf dazugeben, wenn wir essen, was ihm nicht schmeckt!

(Coopzeitung Nr. 25/2013)