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Begegnung

Schöne Aussicht!

Schneider schleicht ab, Schreiber weiss, warum.

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22. Juli 2013

Steven Schneider: Meine Tante im Friaul führte ihr ganzes Leben lang eine Bar. Eine italienische Bar, notabene, also nichts mit Animation und Musik, sondern mit gutem Kaffee, Zigaretten und Grissini, die mit Rohschinken umwickelt wurden. Für mich war die Bar immer einer meiner Lieblingsorte, wenn ich meine Tante besuchte. Die letzten Jahre liefen nicht mehr so gut. Zia Ida verlor die Lust, stundenlang hinter dem Tresen zu stehen und immer weniger Gästen zuzusehen, wie diese Rotwein für 90 Cents das Glas leerten und immer lauter redeten.

Das funktioniert in Italien nun mal so.»

Darum schickte sich meine Tante selber in den Ruhestand. Die Bar hat nun eine rassige Venezianerin gemietet, die den Laden nach einem anderen Konzept führt: Von morgens bis Mitternacht stehen Schönheiten hinter dem Tresen, langhaarige, langbeinige, braun gebrannte, zudem freundliche und tüchtige junge Frauen. Natürlich hat das die Gästestruktur und den Andrang verändert: Jetzt ist die Bar voll mit Männern jeden Alters, die alle Aperol Spritz für 2 Euro 50 schlürfen und dabei die Augen nicht von der Bedienung lassen. Das funktioniert in Italien nun mal so. Was mir übrigens auch sehr entgegenkommt, denn ich mag Aperol Spritz überaus gern.

Sybil Schreiber: Zia Ida und Zio Renzo haben ein schönes Haus. Renzo hat es selber gebaut, darum hat es auch mehrere Jahre gedauert, bis sie von ihrer Wohnung hierher ziehen konnten. Jetzt geniessen sie ihr Haus, das nur ein paar Schritte entfernt von der Bar steht. Und ich geniesse es auch: Wir fläzen im Rasen, spielen Federball, baden im Brunnen, beobachten im Bach Frösche, ernten kiloweise Tomaten, Gurken, Auberginen.

Ich weiss schon, was er sagen wird»

Aber kaum fährt Zia Ida zum Einkaufen, zum Coiffeur oder zur Bank, dann verschwinden auch mein Schneider und sein pen-sionierter Onkel Renzo. Wundersamerweise kehren sie immer zurück, kurz bevor Zia Ida wieder daheim ist. Wohin marschiert ihr eigentlich jeweils?, frage ich meinen Liebsten.

Er grinst: Wenn Zia Ida weg ist, zieht mich Renzo am Arm Richtung Bar. Tja, dort trinken wir was, reden und schauen die Bedienung an. Ach, und weil ihr Angst habt vor Zia Ida, seid ihr immer wieder zurück, bevor sie euch dort erwischen kann. Schneider lächelt. Bevor er antwortet, weiss ich auch schon, was er sagen wird, denn das sagt er immer, wenn ich bei seinen italienischen Verwandten etwas seltsam finde: Das funktioniert in Italien nun mal so.

(Coopzeitung Nr. 30/2013)