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Begegnung

Altersheim im Estrich

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20. Oktober 2014

Schneider: Schreibers Uraltcomputer gibt seinen Geist auf. Endlich! Die Kiste war so langsam, dass man in der Zeit vom Aufstarten bis zum Arbeitsbeginn ein Brot hätte backen können. Doch Schreiber wollte sich, aus mir unerfindlichen Gründen, nie von dem trägen Teil lösen und verzieh ihm gnädig seine Langsamkeit.

Endlich: Ihr Uraltcomputer gibt seinen Geist auf.»

Jetzt aber hat sie keine Wahl mehr, denn sie kann damit nicht mal mehr Mails versenden. Sofort ist unser Computerspezialist zur Stelle mit dem neuen Gerät unterm Arm, einem schnittigen Teil, das noch schneller als mein Computer ist. Abends ist Schreibers neue Superkiste schon installiert. Sie führt sie voller Stolz vor. Finde ich gut, sage ich, schaue mich um und füge an: Und das kaputte Teil hat er gleich mitgenommen. Sehr vernünftig. Äh, nein, antwortet Schreiber. Der alte Computer steht hinter dem Bettsofa. Was? Wieso? Man kann den doch nicht einfach wegschmeissen. Es gibt sowieso schon zu viel Elektromüll auf der Welt. Aber der ist nun mal Elektromüll. Was ist der Unterschied, ob er hier bei uns zu Hause sinnlos herumsteht oder auf dem Schrottplatz herumliegt? Schreiber zuckt die Schultern: Ich bin der Unterschied. Ich bin einfach noch nicht so weit.

Schreiber: Ich hänge an Dingen. Noch dazu, wenn es solche sind, mit denen ich täglich zu tun habe. Darum kann ich meinen Computer auch nicht einfach wegwerfen. Er ist gefüllt mit meinem Leben, mit Fotos, Texten, Adressen. Klar, ich habe alles auf den Neuen kopiert. Aber meine Erinnerungen schlummern trotzdem noch auf seiner Festplatte. Vielleicht finde ich ja jemanden, der ihn verwenden könnte?, frage ich Schneider. Diesen Menschen gibts in unseren Breitengraden nicht, denn niemand will einen alten, ausrangierten Computer.

Ich könnte das Gerät ja als Reserve aufheben.»

Stimmt wohl. Aber ich könnte das Gerät als Reserve für uns aufheben, sagt meine innere Vielleicht-brauchen-wir-es-noch-mal-Stimme. Mir fällt mein Kassettenrecorder ein, der seinen Ruhestand in unserer Werkstatt verbringt. Er hat gut 20 Jahre intus und manchmal lege ich meine alten Musikkassetten ein. Was übrigens auch Schneider Freude macht. Denn wer liebt die alten Kassetten? Schneider. Er hört höllenlaut Haydn, während er zufrieden Holz raspelt. Bis Schneider merkt, dass Abschiednehmen Zeit braucht, bekommt mein Compi einen Platz im Estrich. Neben der alten Schreibmaschine, der Fotokamera und dem Videorecorder in meinem kleinen Maschinen-Altersheim.

(Coopzeitung Nr. 43/2014)

Die Kolumnisten live: 30.Oktober in Hornussen, 2.November Talk an der Buchmesse in Olten. www.schreiber-schneider.ch

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