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Begegnung

Am Zug?

Speilt der eine, verzieht sich der andere

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24. Februar 2014

Steven Schneider: Obschon wir die SBB lieben, sind wir schon länger nicht mehr alle vier zusammen Zug gefahren. Wenn das mal gut geht. Unsern Koffer verstaue ich zwischen den Sitzen, die Kinder belagern die Fensterplätze, Schreiber kramt nervös nach den Fahrkarten. Kaum ruckelt der Zug los, will unsere Jüngere etwas trinken. Ich hole den Koffer vor, nehme das Wasser heraus, die Kleine trinkt. Sonst noch jemand?, frage ich. Keine Antwort. Ich verstaue das Getränk in den Koffer. Sekunden später hat auch die Grössere Durst: Tut mir leid, ich habs eben erst gemerkt, sagt sie.


Ich murre: Die Flasche kannst du dir jetzt selber herausholen. Wo-rauf sich Schreiber einmischt und findet, ich solle nicht so bockig tun, sie kümmere sich drum. Kaum hat sie den Koffer geöffnet, blickt sie mich konsterniert an: Was ist denn das für eine Sauerei? Dein blaues Hemd ist komplett nass. Tatsächlich! Und typisch: Sie wollte ja unbedingt Wasser dabei haben. Als ob zwischen Bad Zurzach und Luzern Wüste liegen würde! Ich könnte schlechte Laune kriegen. Stattdessen blicke ich mich um. Im Gegensatz zum Auto bietet der Zug eine verlockende Alternative: Ich werde einfach Abstand zu meiner weiblichen Chaostruppe nehmen.

Ich könnte schlechte Laune kriegen»

Sybil Schreiber: Damit es uns auf der Zugfahrt nach Luzern nicht langweilig wird, habe ich Verpflegung dabei und Spiele. Zum Beispiel Biberbande, unser aktuelles Lieblingskartenspiel. Meistens gewinnt unsere Jüngere, aber diesmal bin ich auf Kurs. Ich siege überraschend, was ich mit einem Siegesschrei kröne. Jaaa! Schneider blickt böse aus dem Nachbarabteil herüber. Der Herr ist muffig, bloss weil im Koffer etwas Wasser aus der undichten Flasche gelaufen ist. Meine Güte! Er stänkert: Muss der ganze Zug hören, dass Ihr Karten spielt? Ihr seid sooo laut. Gibts den Herrn auch in freundlich? Immerhin haben wir es lustig und vor uns liegt ein inspirierendes Wochenende: Bourbaki-Panorama, Gletschergarten, Spiegellabyrinth, Verkehrshaus.

Der Herr ist muffig, er stänkert.»

Dann mach doch du was mit den Kindern, sage ich. Au ja!, rufen unsere Töchter und wechseln schwupps auf Schneiders Seite. Und was macht der? Chnödle! Er haut seine Faust auf die Handrücken unserer zarten Töchter. Diese kreischen vor Schmerz, wenn er sie erwischt. Seltsamerweise halten sie die Faust gleich wieder schrill lachend hin. Ich muss das Abteil wechseln. Denn wenn Schneider für Unterhaltung sorgt, wird es mir einfach zu laut. Ich könnte schlechte Laune kriegen.

(Coopzeitung Nr. 09/2014)