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Begegnung

Ihr neuer Hausfreund

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29. September 2014

Schreiber: Ich wollte nie einen Hometrainer. Finde die Dinger potthässlich und unsinnig. Auf dem Teil musst du nur fünf Minuten lang rauf und runter nudeln. Länger nicht, erklärt mir meine Schwägerin, als ich bei ihr zu Besuch bin. Probiers einfach.Ich schiele ihrer Superfigur entlang und steige auf.Nach 45 Sekunden kippe ich praktisch bewusstlos von dem Teil, das zum Glück nah am Boden gebaut ist.

Du schaffst das, sagt meine Schwägerin, und ich sehe nun ihren superflachen Bauch von unten.Hm. So einen Bauch will ich auch. Zwischen ihr und mir liegt zwar ein Jahrzehnt aber könnten Alter und Schwerkraft nicht mit Willen und Training überwunden werden?Die Fünf-Minuten-Übung überlebe ich zu guter Letzt in knapp einer halben Stunde. Meine Schwägerin lächelt, sie bringt das jeden Tag hinter sich. Nur so mache die Übung Sinn, sagt sie.Auf dem Nachhauseweg denke ich nach. Eine Stimme in mir raunt: Tus nicht, du ziehst das sowieso nicht durch. Denk an all die teuren Abos und Kurse in diesen Fitnesscentern, bei denen du nie durchgehalten hast.Stimmt. Aber einen Hometrainer hatte ich noch nie. Und als ich beim Sportladen vorbeifahre, stelle ich ganz spontan den Blinker.

Hm. So einen Bauch wie die Schwägerin will ich auch.»

Schneider hört interessiert zu, dann sagt er: Wollt ihr wissen, was ich alles erlebt habe? Ich blicke Schneider streng an. Hoffentlich übertreibt er dabei nicht masslos. Zur Sicherheit packe ich für den Abstieg Trostmaterial in Form von Nussgipfeln ein. Unsere Kinder sollen schliesslich schöne Erinnerungen an ihre erste Bergtour haben.

Schneider: Mein Schädel brummt von der Arbeit, und ich bin froh nach Hause zu kommen. Überraschung!, flötet Schreiber, als sie mir im Gang entgegenkommt, einen Kuss gibt, meinen Bauch tätschelt und fortfährt: Wir haben ein neues Familienmitglied, das dir und mir guttut.Sie führt mich in die Stube, wo ein dunkelrot lackiertes Teil steht, das wie ein Rennkart ohne Räder aussieht: Darf ich vorstellen: Börnie unser Fettverbrenner. Sie hüpft drauf und rutscht mit den Knien hoch und nieder und erklärt atemlos, was das soll.

Börnie und ich werden nie dicke Freunde werden.»

Dann lässt sie sich zur Seite auf unseren Wollteppich fallen und befiehlt: Jetzt du!Kann man den umtauschen? Könnte man, ist aber unrealistisch, denn ich krieg den nie wieder in die Schachtel zurück. Muss der hier mitten in der Stube stehen? Nur so denken wir dran. Sie meint es ernst. Meine sonst so stilbewusste Ästhetin, die früher über Architektur schrieb und in Mailand Möbeltrends aufspürte, stellt ein potthässliches Fitnessgerät mitten in unser Leben. Diese Frau ist der lebende Beweis für Inkonsequenz! Ihr zuliebe steige ich spontan auf Börnie und stelle nach fünf Sekunden fest, dass er und ich garantiert nie dicke Freunde werden.

(Coopzeitung Nr. 40/2014)

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