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Begegnung

Halbnacktwanderer

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23. März 2015

Sie: Wir wollen gemeinsam auf den obligaten Morgenspaziergang mit Hund: erwachsene Zweisamkeit am Samstagmorgen, damit unser Nachwuchs in Ruhe ausschlafen kann. Vor dem Fenster liegt der Nebel zum Greifen nah, klamm und feucht. Ich ziehe mir über mein T-Shirt einen Kaschmirpulli an, einen Schal, und zur Sicherheit nehme ich meine Windjacke mit. Schneider steht vor dem Haus bereit: luftiges Leinenhemd und kurze Hosen. Zwei Klimazonen auf dem Weg zum Rhein. Ich greife nach einem zweiten Baumwollschal, denn wenn ich Schneider so sehe, befürchte ich, dass er eher früher als später vor Kälte zittern wird.

Der Ärmste: Halbnackt marschiert er zügig weiter.»

Er murmelt Unverständliches, dann ziehen wir los. Schneider spurtet mit sportlichem Tempo davon. Sonst bin ich die Schnellere. Warum nur hat er es so eilig? Schon nach vier Minuten sind wir am Fluss. Der Nebel hängt dick über dem Wasser, aber mir wird dennoch wärmer. Ich ziehe die Jacke aus und knote sie mir um die Taille, während Schneider, der Ärmste, halbnackt zügig weitermarschiert. Einige Meter flussabwärts hole ich ihn wieder ein: Hier, ein Schal, sage ich freundlich. Du musst für mich nicht länger den harten Mann spielen. Er knurrt: Aber dafür den Kleiderständer?

Er: Der Frühling naht und Schreiber verlässt für einen simplen Spaziergang das Haus, als ginge es an den Nordpol. Was soll ich da noch sagen? Nichts. Aber: Wenn sie schon eine gesamte Winterausrüstung mitschleppt, kann sie diese auch alleine zurücktragen. Danke, ich brauch keinen Schal. Ich habe ihn aber für dich mitgenommen. Einfach für alle Fälle. Der Nebel ist ja eklig. Das ist aufmerksam von dir, sage ich und blicke Schreiber an, der die Klamotten mittlerweile an diversen Körperteilen herumhängen: Die Jacke um den Bauch, der Pulli über den Schultern und der Schal in der Hand. Beim Wandern gibt es eine simple Regel, erkläre ich: Am Anfang muss man kalt haben.

Schreiber denkt nicht. Sie wappnet sich. Ständig!»

Quatsch. Ich will nicht frieren. Ausserdem dachte ich, wir würden ganz gemütlich spazieren. Dachte sie? Falsch. Schreiber denkt nicht. Schreiber wappnet sich. Ständig und überall gegen irgendwelche Kälteeinbrüche. Unsinnig. Dass es ausgerechnet an diesem Morgen verflixt viel kühler ist, als ich dachte, darf ich jetzt aber auf keinen Fall zugeben. Ich lege einen Zacken zu, marschiere noch schneller, um endlich warm zu bekommen und beisse schweigend auf die Zähne. Dann können sie nicht klappern.

(Coopzeitung Nr. 13/2015)

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