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Begegnung

Nachtschwärmerwächter

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12. Dezember 2016

Schneider: Als Eltern muss man sich bezüglich Nachwuchs miteinander absprechen. Es geht ja nicht, dass Schreiber etwas festlegt und ich etwas anderes. Zum Beispiel, wann unsere Grössere nach dem Ausgang wieder zu Hause sein soll. Und das wird langsam zum Thema.

Es ist Sonntagnacht, halb zwei Uhr, ich liege in der Stube und horche auf die Eingangstür. Wann muss ich zurück sein?, hatte unsere Tochter heiter gefragt, als sie vor Stunden aus dem Haus ging. Und weil wir gerade Besuch hatten, ein Paar, das bereits drei erwachsene Kinder hat, wollten wir wohl besonders locker und aufgeschlossen sein und sagten: Wenn die Party vorbei ist. Viel Spass!

Der Film ist zu Ende. Von unserer Tochter noch keine Spur.»

Als der Besuch um Mitternacht nach Hause ging, legte sich Schreiber ins Bett und ich mich aufs Sofa in der Stube. Konnte nicht schlafen und fing an, Die Tribute von Panem zu schauen, in dem eine 16-Jährige um ihr Überleben kämpft.

Wieso haben wir keine genaue Uhrzeit abgemacht? Mir fällt meine Mutter ein, die nie ein Auge zumachte, bevor an den Wochenenden nicht der Letzte wieder wohlbehalten zurück war.
Der Film ist zu Ende. Ich bin es auch. Hauptdarstellerin Jennifer Lawrence hat es überlebt. Von unserer Tochter noch immer keine Spur.

Schreiber: Schneider schleicht ins Schlafzimmer. Ich blicke schläfrig auf den Wecker. Viertel vor zwei. Ist sie da?, frage ich. Nein. Mir fallen die Augen zu. Gute Nacht. Er legt sich hin, und weg ist er.
Wir hätten unbedingt eine Zeit abmachen sollen! Wollten vor unserem Besuch als coole Eltern dastehen. Schön doof. Ich bin knallwach, stehe auf, gehe runter, nehme mein Handy. Na, wann kommst du?, schreibe ich. Es ist 1:57 Uhr.

Nach einer Weile macht es Pling: Weiss noch nicht, später, ist super, mach dir keine Sorgen.
Puh. Aber nicht zu spät. Soll ich dich holen?

Wir wollten als coole Eltern dastehen. Schön doof.»

Sie schickt mir einen Haufen Herzen: Nö, danke, ich komm dann mit den anderen.
Gut, besser als allein.

Ich lege mich aufs Sofa, döse, wache auf, werde nervös, schaue auf die Uhr, aufs Handy. Wie spät ist später? Soll ich rasch anrufen? Dann erlöst mich ein Pling. Es ist mittlerweile kurz vor fünf: Steh vorm Haus, Schlüssel steckt von innen, kann nicht rein. Na endlich!

Mir wird klar: So werden in Zukunft unsere Wochenenden aussehen. Es wird viele wache Nächte mit Taxi-Pikettdienst geben. Ich glaube, ich weihe grad mal Schneider ein, der von meinem Einsatz nichts mitbekommen hat und seit Stunden in aller Ruhe pennt.

(Coopzeitung Nr. 50/2016)