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Begegnung

Sei kein Frosch

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10. Oktober 2016

Schneider: Das Internet ist grossartig und erhellend, was das Wetter angeht. Und das liebe ich. Die einen Portale bestimmen das Wetter auf die Stunde genau, andere prophezeien es auf zwei Wochen hinaus. Klar: Die Vorhersagen stimmen nicht immer, aber sie beeinflussen mich dennoch. In Gedanken reise ich in die nahe Zukunft und stelle mir passende Aktivitäten zum mutmasslichen Wetter vor: intensive Büroarbeit, entspannende Gartenarbeit, auswärtige Recherchen, ein längerer Hundespaziergang, je nachdem im Wald oder am Fluss, kommt halt auf das Wetter an.

Die Zukunft? Ab morgen regnet es drei Tage.»

Aber eben: Die einen Portale künden Wolken und Regen an, andere für denselben Tag hingegen Wolken und Sonne. Auch die Profis sind sich nicht immer einig und deshalb muss ich mehrere Orakel konsultieren. Da gibts das eine, das für unseren Wohnort konsequent unkorrektes Wetter angibt. Eine wertvolle Quelle. Aber vor allem mische ich Angaben des NZZ-, des SRF- und des Googlewetters, so komme ich auf 83,4 Prozent Gewissheit. Oder so. Wie jetzt. Klingt nicht heiter, aber realistisch. Schreiber stellt sich neben mich und guckt auf den Bildschirm. Arbeitest du?
Ja, an unserer Zukunft. Ab morgen regnet es für drei Tage!

Schreiber: Aus heiterem Himmel sagt Schneider: Morgen früh regnets. Ab elf. Bis überübermorgen.
Warum sagst du das?, frage ich.
Damit du weisst, wie das Wetter wird.
Ich will das nicht wissen. Heute scheint die Sonne, und was morgen ist, steht in den Sternen.
Nein, im Internet. Ich hab das ultimative System entdeckt, um das Wetter zu kennen.
Mir reicht der Blick zum Himmel.
Ja, fürs Jetzt. Aber für die Zukunft?

Ich will gar nicht wissen, wie das Wetter wird.»

Ich teile Schneiders Begeisterung nicht. Denn wegen seiner Ankündigung verdüstert sich meine Stimmung: Ich plane panisch ein Herbstpicknick am Fluss, eine Velotour an den Stausee oder eine Wanderung zur Burg, bevor der graue Herbstregen alles wegschwemmt. Ich muss das Licht an diesem Tag unbedingt genies-sen. Danach kommt schon bald der Winter und macht mich mit seiner Dunkelheit schwermütig.
Meine Ruhe ist hin. Dabei hätte ich mich ohne Schneiders Orakel einfach treiben lassen, wäre vielleicht im Wohnzimmer in der Sonnenecke gesessen, hätte gelesen, Quittengelee gekocht und dann Apfelmus eingemacht.
Aber Schneiders Schlechtwetter-Besserwissen versaut mir diesen strahlend schönen Sonnentag. Mehr als der morgige Regen. Wenn seine Prognose denn stimmen sollte.

(Coopzeitung Nr. 41/2016)

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch