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Begegnung

Wer nicht hören will...

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22. August 2016

Sie: Einmal im Jahr schlagen wir auf einer Waldlichtung neben einem Bauernhof unsere Zelte auf. Wir, das sind der gesamte Schneiderclan und gute Freunde. Dann gehts los: spielen und speisen, tschutten und tanzen. Weils kurz heftig regnet, flüchten wir in die umgebaute Scheune.

Mir schwant jetzt schon, was er bald spüren wird.»

Einer unserer Neffen sorgt für Musik in voller Lautstärke. Hits von damals, als wir richtig jung waren. Kaum heulen E-Gitarrensolos auf, ist Schneider nicht mehr zu bremsen, hüpft durch den Saal, schlittert auf den Knien über den Holzboden, zieht sich sein T-Shirt halb über den Kopf, kreist mit seinem Schädel und die Ärmel fliegen wie damals, als er noch Locken hatte. Er tanzt ohne Rücksicht auf Knochen, Bänder, Muskeln und Alter. Soll ich ihn bremsen? Oder nur abwarten und vielleicht schon mal den Verbandskasten zücken?

Als der Regen wieder nachlässt, liefert sich Schneider draussen mit seinen 40 Jahren jüngeren Neffen auf der klatschnassen Wiese ein Fussball-Duell. Mann, Mann, der prescht mit so viel Energie los, als wäre er Cristiano Ronaldo! Eigentlich würde ich gerne Liebster, pass auf! rufen. Tu ich aber nicht, denn ich weiss, dass er bald spüren wird, was mir jetzt schon schwant.

Er: Hierher!, schreie ich meinem Neffen zu, spiel den Ball! Ich stehe frei vor dem gegnerischen Tor, zumindest fast, nur ein weiterer Neffe ist noch im Weg. Ja, jetzt der Ball rollt in meine Richtung! Ich bringe mich in Position

Ich weiss genau, wann Zeit zum Aufhören ist.»

Ach! Ich liebe es, ausgelassen herumzutoben! Nur schade, dass Schreiber stets die Stimmung trübt und mir mit strengem Blick am Spielfeldrand im Nacken sitzt. Du bist echt unvernünftig!, sagt sie andauernd. Aber sie versteht eben nicht, dass ein Mann Spass haben will und dafür auch in Kauf nimmt, sich ein wenig wehzutun. Denn die vernünftige Option ist, zwar unversehrt, dafür aber auch komplett gelangweilt zu sein.

Gekonnt nehme ich den Ball an und setze zum Dribbling an, schlage einen Haken nach links, einen nach rechts, fantastisch, wie in alten Zeiten! Ich bin wieder jung, bis eine Zehntelsekunde später etwas in meinem Oberschenkel reisst. Höllischer Schmerz durchzuckt mich, ich denke: schade, jetzt schon! Schreiber verdreht bestimmt die Augen. Ich breche auf der Stelle meinen grandiosen Angriff ab, denn ich bin eben doch nicht ganz so unvernünftig und weiss genau, wann Zeit zum Aufhören ist: Dann, wenn es eigentlich schon zu spät ist.

(Coopzeitung Nr. 34/2016)

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch