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Begegnung

Futterplätze

Schreiber schlägt Schneider auf der Rigi im Wettschlittenfahren. Er tröstet sich dafür im Mineralbad von Mario Botta.

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FOTOS
Sybil Schreiber und Steven Schneider, Heiner H. Schmitt; Karte Loris Succo
27. Februar 2017

SIE: auf der Rigi über den Wolken.


Sechste Etappe

ER: bei der Rast auf der Winterwanderung im Hochstuckli.

ER: Schmeckt köstlich, dieser Schafbock.

SIE: Iss nicht zu viel, das ist Pilgernahrung, also extrem nahrhaft.

ER: Zugfahren verbrennt keine Kalorien, ich weiss. Aber wir bewegen uns heute ja noch.

SIE: Zum Glück. Hab dich ja kaum aus dem Lebkuchenmuseum rausbekommen.

ER: Es gefiel mir eben: Ein Laden aus dem Jahr 1896! Du weisst, ich mags, wenn etwas ursprünglich bleibt.

SIE: Schau mal raus! Das Rothenthurmer Hochmoor.

ER: Hier war vor dreissig Jahren ein Waffenplatz geplant.

SIE: Jesses, stimmt, damals bin ich grad in die Schweiz gezogen.

ER: Moor statt Militär! Stark!


SIE: Ich kann mich nicht sattsehen! Dass die Schweizer diese Landschaft per Volksentscheid bewahrt haben, ist einmalig. Wir flitzen mit dem Zug durch die Hochebene, sehen Langläufer, Spaziergänger, vielleicht sogar Pilger. Früher gab es viele Pilgerinnen, denn so konnten Frauen allein die Welt entdecken. Wie frei wir Frauen hier und heute sind! Nun gehts hoch hinauf zum Sattel.

ER: Nach der Fahrt auf den Mostelberg auf 1200 Meter Höhe blicken wir verzückt auf den Aegerisee. Dort unten, am Morgarten, schlugen die Eidgenossen vor 702 Jahren die Habsburger, verheerend und vor allem mit der Hellebarde. Mutig! Mutig muss jetzt auch Schreiber sein, denn auf uns wartet eine 374 Meter lange Fussgänger-Hängebrücke.

SIE: Auf der anderen Seite des sogenannten Skywalks soll ein Kraftort sein, also dann: festhalten und rüber. Toll, was dieser Vierjahreszeiten-Ausflugsberg bietet: runde Drehgondeln, runde Bergarena und ein runder Winterwanderweg, der zum Gasthaus Herrenboden führt. Sehr gemütlich! Hier gibts die leckersten Cremeschnitten, die ich je geschlemmt habe!

SIE: im Tierpark mit Ranger Michael Dünki. Fühlen eines Tierpelzes.

ER: Nächster Halt: Tierpark Arth-Goldau. Neben Wohnhäusern und Felsen tauchen wirklich wilde Kerle auf: Wölfe und Bären. Wir ziehen mit Ranger Michael Dünki durch den tief verschneiten Park, der im Winter herrlich friedlich ist, weil viel weniger Besucher unterwegs sind.

SIE: Vor dem Raubtiergehege erklärt der Ranger, dass Ganzkörperfütterung gesund sei für die Tiere. Klingt schauerlich! Dann greifen wir in einen Sack mit Fellen und sollen raten, welches zu wem gehört. Das eine ist eher borstig, das andere zart. Wolf oder Bär?

ER: Schreiber streichelt hingebungsvoll das sanfte Wolfsfell. Ich lese derweil auf einer Info-Tafel, dass Bären keine Mimik hätten, Wölfe schon. Das erschwere die Arbeit mit Bären, da man nicht sehen könne, in welcher Stimmung sich ein Bär gerade befinde. Interessant. Dann zupfe ich an Schreibers Jacke, damit es weitergeht. Weiter durch das Felssturzgebiet, an Eulen und Steinböcken, an Schneehasen und frei laufendem Wild vorbei.

SIE: Schau mal, wie mich die Rehe mögen!

ER: Die mögen nicht dich, sondern das Futter in deiner Hand. Ausserdem sind das keine Rehe, sondern Sikahirsche.

SIE: Besserwisser!

ER: Wer mehr weiss, sieht mehr; hat schon Goethe gesagt.

SIE: beim Schlitteln auf der Rigi.

ER: Vom Tierpark spazieren wir zurück zum Bahnhof und lassen uns Zahn um Zahn auf die Rigi ziehen. Die Sunny Queen of the Mountains wurde Ende des 19.Jahrhunderts gleich doppelt erobert: Von Vitznau aus durch die erste Bergbahn der Schweiz, kurz danach zogen die Goldauer mit ihrer Zahnradbahn nach. Nach vierzig Minuten Fahrt sind wir am Ziel. Die Touristen aus aller Welt zücken hektisch ihre Handys und fotografieren die umwerfende Aussicht. Alle, bis auf Schreiber: Die sucht eilig die Ausgabestelle der Mietschlitten auf.

SIE: Einen für mich, einen für Schneider: Wir setzen uns auf die Schlitten und rauschen 300 Höhenmeter hinunter nach Kaltbad. Ich hänge Schneider locker ab. Bis auch er endlich am Ziel eintrifft, habe ich mich längst zur Wiederholung der Schlittenfahrt entschieden. Er will sich von seiner Niederlage lieber im dampfenden Mineralbad von Mario Botta erholen und Trost in der Therme finden.

ER: Aufgewärmt vom heissen Wasser, spaziere ich durch die Abendstimmung ins Kräuterhotel Edelweiss auf die Staffelhöhe hoch. Dort treffe ich Schreiber, die ganz rote Backen vom Schlittenfahren hat, und geniesse mit ihr den Blick über den Vierwaldstättersee und die halbe Schweiz.

SIE: Das Abendessen im Kräuterhotel macht seinem Namen alle Ehre: Wir gönnen uns ein Kräutermenü mit handgepflückten Pilzen und Kräutern von der Rigi. Schildampfersorbet, Habichtspilz-Bouillon, Leberknödel mit Reizker, Sauerklee-Knollen und Löwenzahnkapern. Ein kulinarischer Hochgenuss!

ER: Der Chef hat gesagt, dass im Hotelgarten 340 verschiedene Kräuter wachsen!

SIE: Ich wusste gar nicht, dass es so viele verschiedene gibt!

ER: Ich glaube, ich kenne vieles nicht von all dem Grossartigen, das die Schweiz zu bieten hat!

SIE: Gut, gibt es Nichtschweizer.

ER: Wie?

SIE: Ihr Schweizer seht gar nicht, dass ihr im Paradies geboren seid. Deshalb braucht es uns, damit wir euch das immer wieder sagen. So wie Mark Twain, der meinte: Die Rigi ist der schönste Flecken der Erde. Dieser Kräuterfutterplatz ist dem Himmel so nah.

Reisetipps

Rothenthurm
Im Pferdeschlitten durch die verschneite Hochmoorlandschaft.

Sattel
Auf dem Morgartenpfad entlang der Spuren der Schlacht von 1315.

Rigi
Fonduefahrt mit Nostalgiewagen anno 1911.

Luzern
Was haben Hosenträger, Cupcakes und Schallplatten gemeinsam? Antworten auf der Stadtführung durch das Bruchquartier.

SVS auf Tour

Unsere Kolumnisten Sybil Schreiber und Steven Schneider sind unterwegs in der Schweiz. Sie folgen der Grand Train Tour und berichten einmal im Monat über Bekanntes und Unbekanntes.
Heute: Folge 6 von Sattel/Goldau nach Luzern.

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