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Begegnung

Handwerk

Die hohe Kunst des Schweizer Handwerks zieht unsere reisenden Autoren in den Bann: Schreiber träumt vom Leben auf der Alp, Schneider von einem Schuhmacherhammer.

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FOTOS
Sybil Schreiber und Steven Schneider, Heiner H. Schmitt; Karte Loris Succo
01. Mai 2017

SIE: badet ihre Füsse im smaragdgrünen Brienzersee.


Achte Etappe

ER: im Brockenhaus auf dem Brünig.

ER: Ich wiege noch immer den alten Hammer in der Hand: Könnte ja sein, dass mal ein Schuhmacher der Besitzer war. Jetzt liegt das Werkzeug in einer Kiste auf dem Brünig im Brockenhaus und könnte für einen Fünfliber mir gehören.

SIE: Von wirklichem Handwerk hat Schneider wenig Ahnung. Was er allerdings echt gut kann, ist Jassen. Er sagt immer, das könne man lernen wie ein Handwerk, aber ich glaube eher, das ist grosse Kunst. Wie soll ich mir all diese Karten merken? Weshalb ich draufkomme? Ich habe grad eine schöne Schiefertafel für Jasser entdeckt.

ER: Schreiber kriegt gleich Kopfweh, wenn ich ihr das Jassen beibringen will. Interessanterweise beginnt auf dem Brünig eine Kulturgrenze, die bis hinauf an den Rhein reicht: Westlich davon wird mit französischen Karten gejasst; wir aber spielen mit Rosen und Schilten, was Schreiber überfordert, denn sie kennt nur Pik und Herz.

SIE: beim Käsen auf dem Ballenberg.

SIE: Die Hochburg echten Handwerks liegt nur einige Kilometer entfernt: im Ballenberg-Freilichtmuseum. Wir spazieren durch die prachtvolle Landschaft von Hof zu Hof. Eine Weberin erklärt mir, dass das Einrichten des Webstuhls drei Tage brauche und das Weben vor allem gute Nerven. Ein paar Häuser weiter in der Alpkäserei drückt mir Heinz Anderegg eine Käseharfe in die Hand und ich darf den Bruch zerteilen. Das gefällt mir. Es ist einer meiner grossen Träume, einen Sommer auf der Alp zu verbringen.

ER: Während Schreiber von der Alp schwärmt, lasse ich mich vom Bergbauernhaus aus Adelboden berühren. Es stammt aus dem Jahr 1698 und zeigt, wie hart das Leben unserer Vorfahren war. Menschen, Tiere, Werkstatt, Lager: alles unter einem Dach. Überleben ging nur, wenn alle mit anpackten.

SIE: Schneider träumt wieder mal von Bauruinen, denen er neues Leben einhauchen will. Höchste Zeit, den nächsten Etappenhalt anzupeilen. Wir spazieren in Brienz dem smaragdgrünen See entlang zum Holzbildhauermuseum.

ER: Wahnsinn! Wie kann man aus einem Stück Holz eine solch lebendige Szene herausschnitzen? Man glaubt wirklich, dass diese Hirsche leben.

SIE: Stell das wieder hin. Man fasst in Museen nichts an!

ER: Steht da Berühren verboten?

SIE: Nein, du hast recht. So macht Kunst viel mehr Spass. Wie geschmeidig sich das anfühlt.

ER: Statt nur zu streicheln, könntest du auch draufklopfen. Das besiegelt das Glück, das man gerade hat.

ER: im Holzbildhauermuseum in Brienz.

SIE: Schneider sagt mir durch die Blume, dass ich mit ihm Glück habe. Weiss ich doch er aber auch. Schon ziehen mich die Objekte wieder in den Bann. Einfach beeindruckend. Holzbildhauer sind mehr als blosse Handwerker. Kein Wunder: Ihre Ausbildung in der Brienzer Holzbildhauerschule dauert vier Jahre.

ER: Holz ist ein grandioser Werkstoff! Nachdem wir auf der Fahrt entlang des Brienzersees mit wunderschönen Blicken belohnt wurden, fahren wir von Interlaken hinauf ins Dorf Habkern. Unser Ziel: die Werkstatt eines Alphornbauers.

SIE: Heinz Tschiemer ist uns gleich sympathisch. In seinem Atelier demonstriert er die einzelnen Arbeitsschritte für den Bau eines Alphorns. Die Töne des Horns lockten seit eh und je Vieh und Menschen an. Eine Zeit lang war das Alphornspielen in der Schweiz sogar verboten, denn die verarmten Hirten und Bauern bettelten in den Städten mit diesen warmen Klängen um Geld.

ER: Das Holz stammt aus dem Habkerner Burgerwald und nur wintergeschlagenes, feinjähriges und astfreies Fichtenholz kann verwendet werden.

SIE: Was mir besonders gefällt: Das Alphorn erlebte am ersten Unspunnenfest 1805 seine Wiedergeburt. Dieses Fest wurde gefeiert, um die Stadt- und Landbevölkerung zusammenzubringen.

ER: Eines der originalen Unspunnenhörner hängt bei Tschiemer an der Wand. Auch ein Plakat der Berghilfe, die seinen Betrieb unterstützt hat. Handwerk ist eben mehr als Broterwerb, es bewahrt das Erbe und schafft Lebensgrundlagen.

SIE: Zurück in Interlaken: eine völlig andere Welt! Eben noch waren wir im idyllischen 700-Seelen-Dorf, jetzt im Uhrenparadies. Boutiquen reihen sich aneinander wie Perlen einer Kette: vergoldetes Schweizer Präzisionshandwerk.

SIE: Gell, du weisst schon, dass ich Spass an Schweizer Uhren habe.

ER: Ich dachte, du träumst vom einfachen Leben auf der Alp.

SIE: Ja, aber mit Uhr. Käseherstellung braucht richtiges Timing.

ER: Und ich wäre mit einem alten Hammer als Souvenir zufrieden gewesen...

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Mit Volldampf nostalgisch auf das Rothorn.

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Delikate Gerichte mit Fischen aus dem See.

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Mit dem Schiff von Brienz aus zu den Giessbachfällen und zum Grandhotel.

SVS auf Tour

Unsere Kolumnisten Sybil Schreiber und Steven Schneider sind unterwegs in der Schweiz. Sie folgen der Grand Train Tour und berichten einmal im Monat über Bekanntes und Unbekanntes.
Heute: Folge 8 von Giswil nach Interlaken.

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