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Begegnung

Schräglage

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22. Mai 2017

Schreiber: Wir schaffen das, sage ich zu Schneider, der skeptisch unser grosses, altes Bauernbuffet im ersten Stock anschaut. Es soll von oben nach unten, denn unsere Kinder sind jetzt Teenager und massive Möbelstücke passen nicht mehr ins Zimmer. Zum Glück ist das Stück zweiteilig und das Oberteil gar nicht so schwer. Allerdings lupfen wir es schräg, sodass die Glastüre auf- und beinahe gegen die Tür schwingt. War knapp!

Abstellen, ordne ich an und schlage vor: Zuerst das Unterteil die Treppe runter.

Aha.

Ja. Du bist hinten, ich vorne.

Schneider lacht: Sicher nicht!

Jetzt lacht er nicht mehr, sondern befiehlt: Du hinten, ich vorne! Schon gut, schon gut, der Herr.

Eins, zwei, drei. Ich hebe, aber nichts passiert.»

Eins, zwei, drei, zählt er. Ich hebe, aber nichts passiert. Schneiders Seite muss leichter sein, er stemmt das Teil locker hoch. Dann schaffe ich es doch noch, ächze, tripple die erste Stufe runter. Das Holz ist aalglatt, das Buffet rutscht aus den Fingern. Stopp!, schreie ich. Absetzen!

Schneider ächzt. Ich sage: So geht das nicht, ich muss Gummihandschuhe holen. Ich schiebe mich an ihm vorbei: Willst du auch welche?

Schneider schüttelt schlapp seinen hochroten Kopf. Hoffentlich hält der Mann durch!

Schneider: Innerhalb des ersten Meters bezeichnet Schreiber das Buffet-Unterteil von gar nicht so schwer über geht noch! über umpf!! zu scheissschwer!!! Dann brüllt sie Stopp!, rennt weg, lässt mich in Schräglage auf der Treppe stehen, ruft: Stemm dich einfach dagegen, kehrt mit Handschuhen zurück. Als ob die das Gewicht verringern würden. Dann, eins, zwei, drei, und hoch!, knallt sie eine Möbelecke in die Wand, der Putz rieselt und sie stöhnt: Kein Wunder, meine Seite ist schwerer als deine!. Wie bitte? Ja, dank mir überrollt dich das Teil nicht! Ich halte es zurück!

Schweiss steht mir auf der Stirn. Das war knapp.»

Unsinn! Ich würde gern sagen: Bitte, denk einfach nicht in deiner Logik weiter, aber just in diesem Moment rutscht das Teil auf mich zu und in mir steigt das Bild auf, wie ich auf dem Treppenabsatz liege, über mir das gefühlt fünf Tonnen schwere Möbel, das mich platt walzt wie eine Kakerlake, worauf Schreiber fragen würde: Wars doch zu schwer für dich?

Ich finde wieder festen Stand, Schweiss steht mir auf der Stirn. Das war knapp. Und mir wird klar: Schreiber und ich haben zwar eine extrem stabile Beziehung aber das Zügeln eines Bauernbuffets über die Treppe runter kann sie arg aus der Balance bringen!

Mein Leben als Paar die besten Kolumnen der letzten drei Jahre als Buch. Infos auf der Website von Schreiber und Schneider.