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Begegnung

Voll im Saft

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24. April 2017

Schreiber:Ich bin stolz auf Schneider. Er hat sein Saftfasten durchgehalten. Zielstrebig. Gründlich. Er war in seiner Welt, wärmte sich mittags einen Gemüsesaft und mümmelte Leinsamen. Er wurde zwar nicht euphorisch, aber irgendwie feinfühlig. Ich beobachtete ihn, wie er in sich versunken war. Ein Zustand, der mich faszinierte. Mein Mann ganz nah bei sich.

Mein Mann ganz nah bei sich, in sich versunken.»

Jetzt ist er wieder nah bei mir. Wir beginnen den zweiten Morgen danach mit unserem ersten gemeinsamen Frühstück seit vielen Tagen. Durch die Verandatüre strahlt schönes Wetter. Er isst ein Tomatenbrot mit Kräutern aus dem Garten. Schneider geniesst jeden Bissen, schweigt, kaut, schluckt. Dann redet er. Von seinen Plänen. Von heute. Voller Energie. Er will einen Text beenden, mit mir unser Atelier aufräumen, Möbel in den Estrich schleppen, und die Kinder könnten Fenster putzen.

Schneiders Sätze sind kurz, sozusagen entschlackt. Seine Stimme ist hart, sozusagen knochig. Und da wird mir klar: Während seiner Saftwoche war er leise, mit sich selbst beschäftigt, nicht dominant, eher so dezent wie ein dünnes Gemüsesüppchen. Jetzt ist die saftige Gulaschsuppe zurück. Und mir vergeht grad etwas der Appetit auf diesen sonnigen Sonntag.

Schneider:Das Fasten ist vorbei. Erstaunlichste Erkenntnis: Die feste Nahrung habe ich nicht vermisst. Wobei, mal 19 Jahre lang nichts beissen, so wie Bruder Klaus? Nein, das schaffen nur Heilige. Aber einige Tage zusätzlich ohne Nahrung wären schon drin gelegen. Glaube ich jedenfalls. Dennoch bin ich froh, ist das jetzt zu Ende. Denn mein Mund fühlte sich sehr unangenehm an. Die letzten Tage plagte mich zusätzlich eine Aphte auf der Zunge. Doch das ist sozusagen gegessen.

Die Sonne ruft zur Tag. Es gibt viel zu tun.»

Kaum kaue ich das Knäckebrot, genest mein Mund auf wundersame Art. Es dauert keine Minute, bis ich mich wieder sauwohl fühle. Ach, wie hat mir das Kauen gefehlt! Und Wahnsinn, wie viel Energie in Knäckebrot steckt! Dieser Treibstoff geht direkt ins Blut und es zerreisst mich schier vor Tatendrang! Draussen scheint die Sonne und sie ruft zur Tat. Mit jedem Bissen werde ich stärker und ich erkenne: Es gibt so viel zu tun, und ich habe Lust, so viel wie möglich zu erledigen.

Gerade als ich mir ein weiteres Tomatenbrot zubereiten will, schnappt Schreiber meinen Teller. Was ist los?

Sie legt ihre Hand auf die meine: Langsam, mein Lieber.

Weshalb?

Ich bin noch nicht bereit für einen Schneider mit einer Überdosis Essen.

Mein Leben als Paar, Lesungen: 27.April Olten; 9.Mai Brig; 10.Mai Bern; 17.Mai Aarau; 19.Mai Andwil; 20. Mai Höngg. Infos auf der Website von Schreiber und Schneider.