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Schreiber vs. Schneider

Der Wahnsinn!

03. Dezember 2018

Schneider: Wir belegen weit oben die blauen Schalensitze, weit unten auf dem Rasen winken uns 22 Männer zu. Ich fasse es kaum: Es ist das erste Mal, dass ich mit Schreiber und unseren Töchtern ein richtiges Fussballspiel in einem richtigen Stadion schaue. Hatte ich mir schon lange gewünscht. Was die Sache zusätzlich krönt: Wir wurden von einem Bekannten in die VIP Lounge des St. Jakob-Parks eingeladen.

«Und welches sind nun die Basler schon wieder?», fragt Schreiber.

«Rotblau.»

«Wahnsinn!»

«Was findest du daran wahnsinnig?»

«Ein Feldstecher? Ich fasse es nicht.»

 

«Alles. Und diese Leute da in Schwarz? Die so viel Getöse machen?»

«Das ist die Muttenzerkurve.»

«Kurve?»

«Fans.»

«Wahnsinn! Ich bin ja so aufgeregt!»

Ihre Aufregung legt sich auch nach dem Anpfiff nicht, im Gegenteil: Schreiber klatscht unsinnig bei jedem Ballwechsel, johlt begeistert «Bravooo», und schliesslich klaubt sie in ihrer Handtasche nach – ich fass es nicht – einem Feldstecher! Sie hält sich das wuchtige Ding vor die Augen und kreischt: «Wahnsinn! Diese Frisur muss mit Zweikomponenten-Kleber gemacht sein. Da wackelt kein Haar. Guck mal!» Sie reicht mir das Fernglas und ich frage mich: Bin ich eigentlich wahnsinnig, Schreiber an ein Fussballspiel mitzunehmen?


Schreiber: Endlich haben wir Gelegenheit, die Plastiksemmel mal von innen zu sehen. So nenne ich den St. Jakob-Park, wenn wir jeweils vorbeifahren.

Ich bin ganz hibbelig. Schneider erklärt mir, wer die Spieler sind, und ich frage, warum einer die Nummer 33 trägt, es spielen doch nur elf Männer in einem Team? Dann entdecke ich einen mit einer höchst schnittigen Frisur. Sozusagen ein Steilpass am Scheitel. Um ihn besser sehen zu können, zücke ich aus meiner Handtasche unser Safari-Fernglas. Mit dem haben wir schon Erdmännchen und Warzenschweine in Afrika beobachtet. Unsere Töchter blicken mich schräg an: «Mama, das ist nicht dein Ernst!» Schneider schüttelt den Kopf.

Ich gucke angestrengt zu, aber bald langweile ich mich. «Wann ist Pause?», frage ich leise.

«Warum die 33? Es sind doch nur elf.»

 

«Nach der ersten Halbzeit», grinst Schneider.

Witzbold, denke ich. «Ich muss dringend mal», sage ich, stehe auf und gehe in die Lounge.

Dort gibts viel Süsses und in jeder Ecke einen Bildschirm, auf dem das Spiel gezeigt wird. «Der Wahnsinn!», sage ich eine Viertelstunde später, als ich Schneider am Dessertbuffet treffe. «Ich schaue mir den Rest vom Spiel hier drin an. Wenn du willst, kannst du mein Fernglas haben.»