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Begegnung

Die Stuhllehnenjacke

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09. April 2018

Schreiber: Wir dürfen auf die Bühne, der Saal ist proppenvoll. Das Stimmengeplätscher macht mich ganz vorfreudig. Ich liebe diese murmelnden Geräusche, bevor wir loslegen.

Die Frau am Eingang zum Saal sagt: Eigentlich könnt ihr anfangen, aber ein Mann fehlt noch. Seine Jacke hängt in der letzten Reihe am Stuhl, der ist wohl noch auf der Toilette.

Wir warten also, aber als er nach fünf Minuten noch nicht da ist, fangen wir an.

Er kann sich ja nachher reinschleichen. Die Veranstalterin nickt. Seltsam, fügt sie an, wo der nur bleibt?

Der Stuhl hinten ist immer noch leer.»

Trotz Scheinwerferlichts kann ich all die freundlichen Gesichter sehen, unsere Leserinnen und Leser, die so viel lachen und uns so viel zurückgeben denn wenn wir schreiben, ist es ja immer ganz still.

Ich blinzle in den Saal: Der Stuhl hinten ist immer noch leer, die Jacke hängt immer noch dran.

Himmel, wenn der Typ draussen beim Rauchen umgekippt ist? Oder grad tot auf dem Klo sitzt? Ich kann mich kaum noch auf unser Programm konzentrieren, sehe, wie die Veranstalterin nervös um sich blickend den Saal verlässt.

Während Schneider munter Sprüche klopft, schicke ich ein Stossgebet Richtung Himmel: Bitte! Lass den Jackenmann wieder auftauchen!

Schneider: Eine Hammerlesung! So viele Lacher, so ein schönes Publikum, solch eine aufmerksame Eventmanagerin. Es macht unglaublich Spass, die Reaktionen auf unsere Kolumnen live zu erleben. Als wir nach 90 Minuten fertig sind, plaudern wir mit den Leuten, eine Frau bedankt sich stürmisch, umarmt Schreiber und fragt, ob sie mit ihr ein Selfie machen könne.

Als sich der Saal leert, reden wir zum Schluss noch mit der Veranstalterin. Sie macht sich Sorgen: Die Jacke hängt immer noch am Stuhl. Ich habe schon das ganze Haus abgesucht und mein Assistent hat auf der Herrentoilette und auf dem Parkplatz nachgesehen, ob da noch einer herumliegt.

Mir kam sie etwas unkonzentriert vor.»

Schreiber blickt ernst: Sehr seltsam, dass jemand seine Jacke an den Stuhl hängt und dann nicht kommt. Ich mach mir schon die ganze Zeit über Sorgen um den Jackenmann.

Aha, mir schien doch, dass Schreiber an diesem Abend auf der Bühne etwas unkonzentriert war. Ich sage: Hey, ganz locker, das löst sich auf, wirst sehen, keine Bange.

Wir verabschieden uns, und als wir nach draussen treten, pfeift uns kalte Nachtluft entgegen. Schlagartig weiss ich, wer der Jackenmann ist. Ich sage: Du, ich muss nur rasch meine Jacke holen...

Schreiber vs. Schneider live auf der Bühne: Hier finden Sie die Daten.

Die besten Kolumnen als Buch: Mein Leben als Paar erhältlichauf der Website von Schreiber und Schneider.