X

Beliebte Themen

Schreiber vs. Schneider

Feuertag (eine Weihnachtsgeschichte)

24. Dezember 2018

Schreiber: Seit dreizehn Jahren leben wir auf dem Land, und Schneider hat damals gleich eine Tradition begründet: Immer am 24. Dezember geht er vor dem Mittag in den Wald. Die Idee dahinter war: Unsere Kinder mussten abgelenkt werden und an die frische Luft. Anfangs waren viele andere Familien dabei, mit wilden Kindern, die durchs Dickicht tobten. 

Doch Zeiten ändern sich, aus Kindern werden Teenager, für die es zu kalt und zu schlammig wurde. Die Tradition aber blieb, der harte Kern auch. Dazu gehört eine kleine Familie mit einem grossen Schatz. Die ist immer dabei, egal, wie kalt oder nass es ist.

«Ich geniesse den Zauber dieses Tages.»

 

Wenn wir am Feuer stehen und die einen ihre heiss geliebte Cola aus der Dose trinken, die anderen Punsch, wenn wir Brot aus der Glut angeln und die Hunde auf Wurstzipfel hoffen, dann blicke ich jeweils in die Runde und spüre ganz fest den Zauber dieses Tages. Den Zauber, füreinander da zu sein. Auch wenn das Leben richtig fies und ganz mies sein kann.

Zu dritt stossen wir den schweren Rollstuhl, er holpert, und mit viel Geruckel schaffen wir es, das Mädchen mit den grünen Augen und dem zauberhaftesten Lächeln näher ans Feuer zu schieben. Frohe Weihnachten, liebe Danaë!


Schneider: Ich liebe es, die Feiertage mit einem Feuertag zu beginnen, zu Fuss zur kleinen Lichtung am Waldrand hinaufzusteigen. Ich bin immer eineinhalb Stunden vor den anderen da, um das Feuer anzufachen, dem Knacken der Scheite zu lauschen und in die Flammen zu schauen. Dann suche ich Spiesse, denn es gibt Steckenbrot, Würste und für die Vegis Bratkäse auf einem Rost. 

Als unsere zwei Teenager vor einigen Wochen sagten, sie müssten diesen Waldmorgen nicht unbedingt mehr haben, da brach es mir fast das Herz. Mir wurde klar, wie viel mir dieses Ritual bedeutete. Natürlich will ich, dass sie bald erwachsen sind, dass sie ausfliegen. Aber an Heiligabend, da wünschte ich mir, sie blieben immer meine zwei kleinen süssen Mädchen. 

«Ich liebe diesen Start in die Feiertage.»

 

Ich fragte meine Töchter bang: «Seid ihr die letzten paar Male etwa nur mir zuliebe mitgekommen?» Die Ältere schaute mich gerührt an. «Papa, hast du tatsächlich feuchte Augen?» Sie nahm mich in den Arm, die Jüngere tat es ihr gleich. «Keine Angst, wir sind wieder mit dabei. Aber nicht nur wegen dir, sondern wegen Danaë. Es ist so schön, sie strahlen zu sehen.»

Jetzt aber, jetzt sind alle da, die Glut ist perfekt, und dass ich feuchte Augen habe, kommt bestimmt vom Rauch.