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Schreiber vs. Schneider

Monster im Glas

17. Dezember 2018

Schneider: Wir sitzen auf dem Sofa und lesen Zeitung, als der Alarm losgeht. Genauer: Spinnenalarm. 

Der läuft so ab: Schreiber kreischt, zieht ihre langen Beine aufs Sofa und presst sich in die Polster, als wollte sie darin verschwinden.

Auch ich erschrecke. Wegen Schreiber natürlich, nicht wegen der Spinne. Die krabbelt braun und dick über unseren Holzboden. Eine Hauswinkelspinne. Die Ärmste. Sie sieht echt hässlich aus mit ihren acht Beinen und dem fetten Rumpf. Trotzdem ist es absurd, dass sich Schreiber fürchtet, denn sie ist vermutlich 10 000 Mal schwerer als die Spinne. Also wenn jemand wirklich Angst haben sollte, dann … 

«Spinnenalarm geht so: Schreiber kreischt.»

 

«Mach sie weg!», kreischt Schreiber. 

Mach’ ich. Während Schreiber auf Schnappatmung umstellt, suche ich nach einer Postkarte und einem Trinkglas und mache damit vorsichtig Jagd auf unseren Spiderman. 
Eigentlich, denke ich, könnte ich den Achtbeiner dann auf Schreiber freilassen. Sie würde die Erfahrung machen, dass sie das überlebt. Nennt man Konfrontationstherapie, die Heilungschancen sind gross. Aber ich lasse es. Zwar gäbe es eine Gewinnerin, nämlich eine angstfreie Schreiber, aber leider einen Verlierer, der das nie wieder gutmachen könnte: mich.


Schreiber: Schneider lässt sich absichtlich viel Zeit, um die Spinne ins Freie zu bringen und erklärt zudem lehrmeisterhaft: «Spinnen sind nützlich, Spinnen stinken nicht, sie machen keinen Krach und sie fressen keine Vorräte weg. Eigentlich tolle Haustiere.»
«Wir haben schon einen Hund und zwei Kater. Könntest du die Spinne jetzt bitte rauswerfen?»

Schneider hebt das Glas, in dem das Krabbelteil nun gefangen ist, langsam in meine Richtung: «Es nützt übrigens nichts, Spinnen mit dem Staubsauger aufzusaugen. Die krabbeln da wieder raus. Wusstest du das?» 

«Ich sauge keine Spinnen auf. Tu sie endlich raus!» 

«Mich gruselt es, er geniesst es.»

 

Mich gruselt es, er geniesst es: «Ich verstehe einfach nicht, warum du vor so einem Winzling Angst hast.» 

Winzling? Das ist eine fette, haarige Spinne, die das Zeug zur Tarantel hat: «Du musst nichts verstehen, du musst einfach die Verandatür öffnen und dieses Viech rausschmeissen!»
Schneider kommt noch näher, das Glas ist nun auf Augenhöhe: «Du weisst, dass Spinnen einen super Orientierungssinn haben, oder?»

«Interessiert mich nicht!»

«Sollte dich aber. Die kommen immer wieder zurück.

«DIE?»

«Ja, die. In jedem Haus leben im Schnitt 200 Spinnen.»

«Raus. Und zwar mit euch beiden!»