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Schreiber vs. Schneider

Alarmstufe Rot!

09. Dezember 2019

Schreiber: Schneider hat wirklich null Erfahrung in Sachen Make-up- Tragen und noch viel weniger in Sachen Abschminken. Er hat sich die Farbe porentief reingerieben. Zur Röte im Gesicht gesellen sich nun noch hektische Flecken am Hals. «Als hätte ich Gürtelrose! So kann ich mich doch nicht an der Sitzung zeigen», jault er und reibt weiter. In der Tat: Für seinen Termin in zwei Stunden sehe auch ich rot.

Ich muss Opfer bringen und reiche ihm meine beste Hautcreme. Er hat keine Vorstellung, was die gekostet hat. Als er seine Zeigefinger tief in den Topf steckt und sich die kostbare Beruhigungspaste dick ins Gesicht schmiert, murmle ich: «Von der reicht ein kleiner Tupfer.» Schneider aber verteilt die Creme flächig mit beiden Händen, er glänzt, um den Mund herum leuchtet er weiterhin wundrot. Wie ein Pavian am Wertesten.

«Wie kriege ich das Zeug aus meinem Gesicht?»

 

Er jammert: «Ich muss den Termin abblasen. Ich kann doch nicht sagen, dass ich mich grad abgeschminkt habe!»

Stimmt. Doch Abblasen muss nicht sein, denn ich habe eine Idee: Ich trete in den Gang und rufe unseren Töchtern zu: «Ihr müsst noch mal bei Papa ran, diesmal mit Foundation und Puder!» – Da höre ich das Schloss klicken. 

Schneider hat sich im Bad eingesperrt.


Schneider: Die Dame vor mir sieht spektakulär aus, Typ Drag Queen, ausserordentlich betont geschminkt, riesiger Mund, riesige Nase, kräftige Wangenknochen, grosse Augen. Mann, die hat Haare auf den Zähnen!

Ich rubble den nassen Waschlappen wie ein Irrer in meinem Gesicht herum. 

Die Dame im Spiegel sieht nun aus, als wäre sie im Vollspurt in eine Wand geknallt: rot-blau-schwarze Blutergüsse.

Ich spüle den Waschlappen aus, rubble ein zweites Mal, drittes Mal, dann rufe ich nach Schreiber. Sie kommt und lacht schallend. «Toll, was die Mädels geschaffen haben!»

«Das nützt mir jetzt nichts. Wie kriege ich dieses Zeug aus meinem Gesicht?»

«Für seinen Termin sehe auch ich rot!»

 

Sie sagt: «Nicht schrubben, du reibst dann alles nur noch tiefer in die Poren.» Sie reicht mir ein rundes Stoffteil. «Mit dem Pad gehts besser. Am besten in kleinen Kreisen.» 

«Das nützt?»

«Nur das!», antwortet sie. Ich schleife damit meine Backen und siehe da: Schemenhaft erscheint wieder mein Originalgesicht. 

Die Dame vor mir wandelt sich langsam zum Mann. Bloss eine Zone verändert sich nicht, so viel ich auch kreise: Eine rote Umrandung von viel zu viel Lippenstift rund um den Mund. Sieht aus, als hätte ich lustvoll Tomatenspaghetti ohne Besteck gegessen.