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Schreiber vs. Schneider

Altweibersommer

22. Juli 2019

«Wir gönnen uns eine Ferientags-Siesta.»

 

Schreiber: Unsere Teenager sind unterwegs, der Hund lümmelt auf dem kühlen Küchenboden. Irgendwie scheint es, als wären wir im Augenblick grad allein auf der Welt.

Schneider und ich ziehen uns zurück.

Mit Absicht.

Denn es gibt an heissen Tagen keinen schöneren Ort als ein abgedunkeltes Schlafzimmer. Frisch verliebt sind wir nicht mehr, aber immer noch verliebt: Also gönnen wir uns eine Ferientags-Siesta.

Wie wir so nebeneinander liegen, merke ich aber, dass ich mich nicht bewegen kann. Ich bin komplett matt von der Hitze. Ausgerechnet. Denn diese Gelegenheit währt nicht ewig. Ich schiebe meine Hand langsam in Schneiders Richtung. Unsere kleinen Finger berühren einander.

Wir seufzen.

Wir gucken an die Decke, alle viere von uns gestreckt, nur unsere Fingerkuppen, die spüren all das, was unser Ziel gewesen wäre. Nähe.

Schneider sagt: «Du, ich würde ja.»

Ich hauche: «Ich auch eigentlich ...»

Er: «Aber ich kann mich nicht rühren.»

Ich: «Ich erst! Bin Matsch.»

Wir sind schweissbedeckt von nichts.

Unsere Fingerkuppen reiben aneinander, immerhin. Zärtlichkeit mit kleinstmöglichem Nenner. Besser als nichts, finde ich.

Bis Schneider sagt: «Es ist zu heiss und wir sind zu alt.»

Wer ist hier zu alt?

«Ich freu mich auf ein Heimspiel.»

 

Schneider: Sommer. Die Zeit steht still, der Stress ist meilenweit weg. Die Luft flimmert in der Hitze, Schreiber trägt feminine Kleider, die ihre Figur betonen, sie strahlt Lebensfreude aus, ich bin auch nur ein Mann.

Ihr Mann.

Unsere Töchter haben sich an diesem Sommernachmittag mit ihren Freundinnen an den Fluss verzogen. Das nennt man Chance, und ich freue mich auf ein Heimspiel mit Schreiber.

Doch jetzt liege ich flacher als geplant. In der Horizontalen verdünnisieren sich meine Lebensgeister, das hatte ich anders geplant.

Ich erinnere mich an unsere ersten Ferien als Frischverliebte in Sizilien, da wars eine ganze Ecke heisser, aber damals konnte mich keine Hitze der Welt umhauen, das Feuer in mir für Schreiber brannte immerzu vulkanischer.

Tempi passati.

Alles, was ich schaffe, ist flüstern und meinen kleinen Finger rühren.

Schreiber lacht über meinen Spruch «heiss und alt». Vermutlich hat sie ihn falsch verstanden, denn sie sagt: «Du, wir können doch einfach nur reden.» Sie zögert. «Über das.»

«Reden?»

«Mehr schaffe ich nicht bei dieser Affenhitze.»

Dann beginnt sie zu säuseln, ich hänge an ihren Lippen, meine Betriebstemperatur steigt doch tatsächlich an.

Silbe für Silbe.