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Schreiber vs. Schneider

Aus der Reihe tanzen

28. Januar 2019

Schreiber: Ich studiere den Anmeldezettel fürs Skilager unserer Tochter. Darauf steht auch, dass Rücksichtnahme und Verständnis zu einem guten Lager gehören. Logisch. 

Erinnere ich mich aber an die Skiwochen, die meine Münchner Schule in den Tiroler Alpen durchführte, dann war davon nichts zu spüren. Die Leiter kommandierten uns mit Trillerpfeifen herum, wer abends nach zehn noch einen Mucks machte, musste den Skiraum wischen. Im Pyjama. Barfuss. 

«Im Lager, da ist man eine Gruppe.»

 

Ganz fürchterlich war mein erstes Lager: Ich knapp zehn Jahre alt und krank vor Heimweh. Im Schlepplift merkte ich, dass ich dringend Pipi müsste. Aber wo? Meine Freundin, eine kleine Italienerin, sagte, sie müsse auch, ebenfalls ganz dringend. 

Als wir oben aus dem Lift schlitterten und der Gruppenleiter uns in eine Reihe brüllte, fuhr Graziella einfach auf die Piste, liess die Skihosen runter und pinkelte in den Schnee. Meine Mitschüler lachten, der Leiter brüllte, und ich machte – was mit neun Jahren eher selten geschieht – in die Hosen. Was ich damals gelernt habe? Dass man lieber mal aus der Reihe tanzt und für sich selbst kämpft, auch wenn man dann ausgelacht wird. Diesen Gedanken muss ich meiner Tochter unbedingt noch mitgeben.


Schneider: Ich kriege mit, wie Schreiber unserer jüngeren Tochter erklärt, sie solle auch mal keine Rücksicht nehmen, sondern vor allem auf sich selbst hören. 
Das geht ja wohl gar nicht! «He, was erzählst du da?», interveniere ich, «im Skilager …»

«… Papa, es heisst Schneesportlager, da fahren doch nicht alle Ski!»

«… von mir aus, im Lager halt, da macht man doch nicht sein Ding, da ist man eine Gruppe, da nimmt man Rücksicht aufeinander.»

«Genau», sagt nun Schreiber, «und dazu gehört, auch Rücksicht auf sich selbst zu nehmen. Ich habe ihr nur gesagt, dass sie sich beim Lehrer melden soll, wenn was ist.» – «Wenn was ist?»

«Mein erstes Lager war fürchterlich.»

 

«Na, wenn sie auf der Piste plötzlich aufs Klo muss, zum Beispiel. Ich traute mich das nämlich nicht.»

«Aber du bist nicht sie. Sie macht das schon.»

Schreiber wird lauter: «Ich will ihr ja nur sagen, dass sie für sich  selbst gucken soll.»

Laut kann ich auch: «Aber deswegen muss sie sich doch nicht gegen die Gruppe stellen.»

«Das habe ich auch nie behauptet, du verdrehst alles», schimpft Schreiber. Ihre Stimme dröhnt wie ein Helikopter, der abhebt.

Nur eine bleibt leise, unsere Tochter: «Könntet ihr euch vielleicht auch einfach freuen, dass ich in die Skiferien fahre?»