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Schreiber vs. Schneider

Auszeit voller Sehnsucht

11. Februar 2019

Schreiber: Ich bin einige Tage allein unterwegs. Schreiben. Schweigen. Schlafen. In einer kuschligen Wohnung in den 
Bergen. Nur Lilla ist dabei, unser Hund, damit ich nicht so ganz mausbeinallein bin.

Abstand tut uns allen gut. Mal wieder einen eigenen Rhythmus spüren, ohne hektischen Familien-Alltags-Takt. Ich richte mir im Auszeit-Domizil einen Arbeitsplatz ein und stelle fest: kein Handyempfang. Nur gerade in der Ecke beim Kühlschrank, sofern ich mich auf den Stuhl stelle und das Handy Richtung Tal ans Fenster halte. 

«Hat mich meine Familie vergessen?»

 

Und das mach’ ich ziemlich oft, denn ich habe Sehnsucht. Ich schicke Fotos von mir, vom Hund, von der Aussicht, von meinem Schreibtisch und hoffe auf Antworten. Deshalb kraxle ich bis abends in kurzen Abständen auf den Stuhl.

Aber nichts. Kein Pieps. Wieso reagiert niemand auf meine Herzensbilder? Hat mich meine Familie vergessen?

Ich muss etwas unternehmen, um nicht traurig zu werden, zieh’ mich warm an, packe im Hausflur einen Schlitten, stapfe in der Dämmerung einen Hang hoch, immer weiter, und komme richtig aus der Puste. Dann flitze ich mit Lilla durch die Nacht zurück ins Tal und am Himmel zwinkern mir die Sterne zu.

So langsam gefällt mir meine Auszeit. 


Schneider: Schreiber wollte sich zurückziehen. Gute Idee, dachte ich, organisierte mich, und nun freue ich mich, zu Hause zu sein, mich um unsere Teenager zu kümmern. Nicht, dass die mich wirklich bräuchten, die kommen ganz gut allein zurecht, sowieso am Wochenende, aber es ist schön, wieder mal als Papa die Hauptrolle spielen zu können. Und das gelingt mir gut. Wir drei gehen zweimal ins Kino, kochen gemeinsam, richten ein Lernstudio ein und büffeln Mathe. 

Alles sehr locker, sehr entspannt. 

Als ich am Abend mein Handy anmache, ploppt ein ganzer Fotoroman rein. Hoppla! Aber ich kanns verstehen. Sie hat Sehnsucht. Hätte ich auch. Es ist ja immer ein wenig seltsam, wenn man alleine unterwegs ist. Letztes Jahr war ich im November einige Tage in Venedig und alles kam mir sehr morbid vor so ganz ohne meinen Clan. Damals schickte ich auch dauernd Bilder, jetzt ist sie es, die Ärmste.

«Schön, wieder mal der Papa zu sein.»

 

Ich antworte mit zwanzig Herzchen und kurz darauf ein neues «Pling»: ein Bild im Dunkeln, aus dem Schnee, weit oben über einem Dorf. Sie schreibt: «Ich schlittle so schnell, habe fast einen Hasen überfahren. Irre! Und nachher gehe ich essen. Capuns. Liebe euch! Es ist herrlich!»

Ups. Jetzt habe ich Sehnsucht!