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Schreiber vs. Schneider

Bergsturz

28. April 2019

Schreiber: Was für ein Tag! Wir zwei haben ihn in den Bergen verbracht. Alles perfekt. Doch plötzlich, aus heiterem Himmel, fauchen wir uns auf dem Heimweg an. Ich schnappe ein und nun schweigen wir im Auto. Es ist grässlich.

Irgendwann halte ich die Spannung nicht mehr aus und sage: «Lass mich in Ilanz raus, ich nehm den Zug.»

Schneider nickt. 

«Ich hab überreagiert, tut mir leid.»

 

Dachte, er würde vielleicht sagen «nein, komm, lass uns Frieden schliessen».
Tut er nicht. Stattdessen setzt er mich ab. Ich steige aus, er braust los. Der Zug ist auch schon weg. Also eine Stunde warten. Ich setze mich in ein Kaffee, bin stocksauer. Auf ihn, auf uns. 

Warum haben wir uns überhaupt gestritten? Richtig, sein autoritärer Ton hat mich genervt. Ich starre hinaus, der Abendhimmel färbt sich rot. Was für ein Blödsinn, dass wir uns so angezischt haben. 

Der Zug fährt ein, ich nehme einen Fensterplatz, lass mich durch die traumschöne Rheinschlucht ruckeln. Ein Bergsturz war die Ursache für diese Wunderlandschaft. 
Ich vermisse Schneider, zücke das Handy und schreibe: «Habe überreagiert. Tut mir leid.» Da plingt seine Antwort: «Sorry. Bin manchmal echt ein Arsch.»  

Ich muss lächeln. So etwas Schönes hat er schon lange nicht mehr gesagt.


Schneider: Ein Jahrhundertkrach, ein Bergsturz der Gefühle, denke ich und lasse Schreiber am Ilanzer Bahnhof aussteigen. Sie wollte es so. Sie dachte, ich würde klein beigeben.

Sicher nicht!

Spontan beschliesse ich, ins Safiental zu fahren. Dort war ich zuletzt vor Jahren mit Schreiber. Bei einer Kapelle mache ich ein Foto und denke an sie. So vehement wie heute war sie noch gar nie. Es ging um die Arbeit, unsere Bücher, unsere Auftritte. Sie hat mir vorgeworfen, ich würde von oben herab mit ihr reden. Ich pfefferte zurück, dass mir ihre Gemütlichkeit so was von auf den Geist gehe. Sie fand mich ungerecht, ich sie antriebslos.

So viel gemeinsam zu arbeiten ist nicht einfach. Und ja, ich war ungerecht, denn sie schmeisst den Alltag, schreibt Geschichten, verdient Geld und hat beinahe immer gute Laune.

«Ob sie womöglich genug von mir hat?»

 

Da surrt mein Handy auf dem Beifahrersitz, ich fahre rechts ran.

Ob sie womöglich genug hat von mir? 

Sie entschuldigt sich. 

Das hat Grösse. Sie kann das: auf einen zugehen. Mir fällt ein Fels vom Herzen. Ich schreibe zurück, dass ich ein Arsch sei. Sie antwortet umgehend: «Wenn du willst, dann könnten wir uns in Chur treffen, liebster A. Deine Z.» – «Z?», frage ich. – «Zicke.» So beginnt Versöhnung.