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Schreiber vs. Schneider

Berufsträume

07. Januar 2019

Schreiber: Momentan reden wir viel mit unseren Töchtern über Berufe und Träume. Ich frage Schneider: «Sag mal, mit welchen Jobs hast du dein erstes Geld verdient?» Schneider denkt nach, was dauert, darum fange ich schon mal an: «Den ersten Lohn gabs von der Zahnfee, die mir 50 Pfennig ans Bett legte und meinen Zahn dem alten König brachte, dem das Gebiss rausgefallen war.» Unsere Teenager kichern. «Dann versuchte ich mich als Babysitterin, klappte aber nicht, bin immer vor den Babys eingeschlafen.» Gelächter am Tisch. «Später war ich Kellnerin, an einem Abend bekam ich 300 Mark Trinkgeld von einer total besoffenen Gruppe. Richtig toll verdient habe ich als Fotomodell, spannend, aber hart. Einmal musste ich mit zu einer Koksparty …»

«… dann fange ich halt schon mal an.»

 

Alle halten die Luft an. «Ich hab’ da aber nicht mitgemacht, was denkt ihr denn! Hm, was war da noch? Ah ja, Hauswartin in Zürich, Treppenhäuser schrubben und von Mietern angemotzt werden. Wisst ihr, Geldjobs sind keine Traumberufe, aber tolle Erfahrungen. Und vielleicht ist es so, dass einen erst die Umwege zum Traumberuf führen.»

Das habe ich echt gut formuliert, finde ich. Schneider guckt ins Leere und meint: «Kann ich jetzt auch mal was sagen?»


Schneider: «Ich war einen Frühling lang Gipser-Gehilfe auf dem Bau und habe zahllose 50-Kilo-Säcke geschleppt», erzähle ich. Die Ältere blickt müde. Meine weiblichen Familienmitglieder können sich einfach nicht vorstellen, wie schwer 50 Kilo sind, sie sind völlig unbeeindruckt.

«Extrem hart verdientes Geld», werfe ich in die Runde, da stehen meine Töchter auf und verabschieden sich in ihre Zimmer. «Hausaufgaben», murmeln sie.

«Warum erzählst du vom Bau?», fragt Schreiber, «was hat das mit der Lebensrealität unserer Töchter zu tun?»

«Die Lebensrealität ist auf jeden Fall nicht, gigantisch viel Trinkgeld zu bekommen oder Model zu sein», antworte ich.

«Vater zu sein ist auch ein Traumberuf.»

 

«Aber es sind Geschichten, die sie auf Ideen bringen könnten.»

«Hast du damals auf dieser Party gekokst oder nicht?», frage ich.

«Nein! Fand das alles widerlich. Und wie war es auf dem Bau?»

«Ich war jedenfalls stolz, stark genug dafür zu sein. Und Treppen zu schrubben, hat dir das Spass gemacht?» 

Sie lacht: «Mir war damals wichtig, eigenes Geld zu verdienen, um eine Wohnung bezahlen zu können. Das war ein Traum von mir.»

Ich stehe auf und sage: «Neuer Anlauf, ich gehe mal hoch zu den Mädels etwas plaudern. Vater zu sein ist auch ein Traumberuf.»