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Schreiber vs. Schneider

Bikini? Ah, toll!

02. September 2019

Schreiber: «Ach», seufzt eine liebe Bekannte. «Schaue ich alte Fotos von mir an, frage ich mich, warum ich ...», sie schiebt ihre Gabel in den Risotto, der sich auf ihrem Teller türmt, und balanciert eine beträchtliche Menge davon zum Mund, «... warum ich mich nie traute, einen Bikini zu tragen.»

Kenn’ ich. «Früher trug ich Bikinis, heute liegen sie im Schrank herum», sage ich. «Dabei hätte ich gern einen braunen Bauch – doch genau dieser ist mir nun im Weg.»

«Du hast doch keinen Bauch!», sagt meine Bekannte und fährt fort: «Hatte ich früher auch nicht. Aber null Selbstvertrauen und falsches Umfeld.» Sie lächelt: «Heute ist es umgekehrt.» 

«Am Bikini ist er näher dran, als er meint …»

 

Verflixt! Wieso findet man sich erst im Rückblick attraktiv? Ist das ty- pisch Frau? Es ist echt eine Kunst, sich selbst richtig wahrzunehmen. Unbeeinflusst von Modeströmungen.
Ich blicke zu Schneider, der zufrieden kaut und nichts sagt. Zu Hause läuft er ja gern oben ohne herum und ignoriert komplett den Umstand, dass unsere Töchter und ich das vielleicht gar nicht sehen wollen. In diesem Bereich bin ich ohne Einfluss. «Hörst du uns zu?», frage ich ihn. 

Er nickt begeistert: «Bikinis, ah, toll!»

Ich muss lächeln. Denn er ist näher dran, als er meint. 


Schneider: Schreiber und ihre Kollegin unterhalten sich über Badeanzüge, wie ich mit halbem Ohr aufgeschnappt habe. 

Bikinis finde ich schön.

Soll ich zur Diskussion der beiden vielleicht mein Wissen zur Historie beisteuern? Das ist nämlich spannend. Ich weiss zum Beispiel, dass der Bikini nach einem Atoll benannt wurde, das seit einem Dreivierteljahrhundert wegen Atomwaffentests unbewohnbar ist. Der französische Bikini-Erfinder benannte das Badekostüm deshalb als «la première bombe an-atomique». 

Eigentlich nicht witzig.

«Im Sommer habe ich an zwei Stellen Kilos zugelegt.»

 

Nicht witzig ist auch, dass ich über den Sommer einige Kilo zugelegt habe. Und wo? Oberhalb des Bauches, an zwei Stellen. Meine ältere Tochter meinte vor Kurzem nach einer längeren Wanderung: «Oh, underboop sweat!» Vielleicht dachte sie, auf Englisch sei es für mich erträglicher, als wenn sie bei meinem Anblick sagen würde: «Papa, du schwitzt unter deinen Brüsten.» Das war mir auch aufgefallen, aber bis dahin verdrängte ich es eisern. 
Nun blicke ich auf den Risotto vor mir – und lege die Gabel weg.

Ich will wirklich nicht, dass Schreiber irgendwann die Idee hat, ich könnte langsam ein Bikinioberteil brauchen. Sie hat ja offenbar noch welche übrig von früher.