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Schreiber vs. Schneider

Bodenhaltung

05. August 2019

Schneider: Habe mich überrumpeln lassen und sitze nun mit meinen drei Frauen an einem sandigen Flussufer.

Auf einer Decke. Am Boden.

Picknick.

Schreiber stammt aus einer Familie, die beim ersten Sonnenstrahl Körbe füllt und im Freien an ungemütlichen Orten isst. Das ist ihr Münchner Biergarten-Gen. Wir sitzen aber auf keinem Biergartenstuhl, sondern im trockenen Schlamm.

«Ich winkle die Beine ab, was weh tut.»

 

Meine drei Frauen zwitschern und raunen mir zu: «Machs dir gemütlich, wir decken den Tisch, die Decke, ach, daher kommt der Ausdruck ‹Tisch decken› …» Sie kichern wundersam und packen Futter aus ihren Fahrradkörben.

Wie befohlen, mache ich es mir gemütlich, strecke meine Beine aus, worauf Schreiber meint: «Platz da! Hier kommt Kartoffelsalat.»

Ich winkle meine Beine ab, was weh tut. «Mach doch den Schneidersitz», ruft meine ältere Tochter und amüsiert sich über ihr Wortspiel.

Ich wechsle von der einen auf die andere Pobacke, als Schreiber trällert: «Rutsch ein bisschen rüber für die Melone!»

Da die Decke offenbar nur für Grünzeug und keinen Mann gemacht ist, stehe ich auf und werfe Steine in den Fluss.

Picknicken ist für meine drei Frauen ultimatives Sommerglück.

Ich frage mich nur, warum man dazu keine Stühle nimmt.


Schreiber: Was sind wir glücklich! Ein lauer Abend am Fluss auf einer grossen Decke. Die Mädels haben Köstliches vorbereitet, Salate, Ciabatta, kalten Crumble. Ein echtes Picknick de luxe, inklusive unseres widerspenstigen Anti-Picknickers: Schneider mag keine kulinarischen Gelage in der Natur, er erklärt, dass am Boden essen suboptimal sei. «Ich bin mehr damit beschäftigt, eine bequeme Position zu finden, als zu kauen oder zu geniessen», sagt er.

Etwas steif, der Gute.

«Er grinst leidend. Etwas steif der Gute.»

 

Dabei gehören doch Verrenkungen und Stretching zum Erlebnis. Man reckt sich nach der Gurkenkaltschale und kriegt einen Krampf im Bein, man rollt über den Nachbarn zum Prosecco, man tunkt im Dip und kullert in die gefüllten Weinblätter. Um etwas für die Allgemeinbildung beizusteuern, sage ich: «Wusstet ihr, dass Picknick eigentlich ‹kleine Sachen aufpicken› heisst?»

Schneider grinst leidend.

Kurz bevor er einen brutalen Hexenschuss vortäuscht, zücke ich aus meinem Velokorb einen klappbaren Dreibein-Hocker in British Green. Er strahlt und setzt sich drauf: «Die reinste Freude», sagt er, greift nach seinem Glas, wackelt und kippt auf die Decke neben den Couscous.

Schön: Picknick bringt Schneider immer wieder auf den Boden.