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Schreiber vs. Schneider

Der Mann der Träume

15. April 2019

Schneider: Schreiber hat vor Kurzem gesagt, sie wünsche sich mehr Zärtlichkeit. Keine schlechte Idee, finde ich und blicke auf den Wecker: 06.59 Uhr. Perfekt! Es ist Sonntag, unsere Teenager schlafen tief, der Hund kann später raus, also habe ich alle Zeit der Welt. 

Ich rutsche auf ihre Bettseite, lupfe die Decke, schmiege mich an sie. Der reinste Ofen. Hoch mit dem Duvet, rein mit etwas Frischluft. «Was machst du da?», maunzt Schreiber.
Ich lass die Decke sinken. Tue, als wäre nichts, vergrabe mein Gesicht in ihrem Nacken. Sie grummelt und ich setze fort, wonach sie sich offenbar sehnt: kuscheln. 

«Lass dich nicht stören», flüstere ich.

«Schon passiert!», sagt sie.

«Schlaf einfach weiter.»

«Mehr Zärtlichkeit? Keine schlechte Idee.»

 

«Genau das würde ich gern tun. Es ist Sonntag!»

«Kein Problem, wir kuscheln nur», besänftige ich.

«Nur …?», sagt sie und rutscht weg. 

Variante A: Ich rutsche hinterher. Variante B: Ich stehe auf, gehe in die Küche, koche Kaffee und spaziere dann mit dem Hund. Ist auch nicht sooo schlecht. Aber: Sie hat klar gesagt, sie wünsche sich mehr Zärtlichkeit, die komme etwas zu kurz bei uns.

So gesehen sollte ich unbedingt ihren Wunsch erfüllen. 

Und wer weiss: Vielleicht wird dann ja doch noch was draus.  


Schreiber: Eben war ich noch in der sanften Welt der Träume, da hebt Schneider meine Decke hoch, er robbt zu mir, kühle Morgenluft strömt drunter. Bloss ist es mir zu kalt für ein Techtelmechtel. Und viel zu früh. Zudem ist es seit Langem der erste Sonntag, an dem wir einfach ausschlafen können. Kein Brunch, kein Garnichts.

Das Garnichts seufzt mir in den Nacken. Ist grundsätzlich angenehm. Aber ich kenne meinen Schneider, so fängt er gerne etwas an. Und genau auf dieses Etwas habe ich grad nicht so Lust. Das sage ich ihm, aber er hört nicht zu, sondern schmiegt sich noch fester an mich. Er flüstert: «Nur kuscheln, versprochen!»

«Kuscheln? So fängt er gerne etwas an.»

 

Versprochen? Er hält eigentlich immer, was er verspricht. Ich sollte ihm also eine Chance geben und schiebe mich auch ein bisschen in seine Richtung. Wie schön das ist, einander nah zu sein, ohne ganz nah zu kommen. Zärtlichkeit ohne Ziel. Hautnah beieinander dösen. Das fühlt sich wohlig an und bedeutet mir viel mehr, als Schneider ahnt.

Glücklich schlummere ich vor mich hin und vergesse, ob das ruhige Atmen in meinem Nacken Schneider ist oder ein schöner Traum. Der Traum, dass Schneider endlich merkt, wonach ich mich sehne: erwartungslos mit ihm zu kuscheln.