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Schreiber vs. Schneider

Der Solitär

28. Juli 2019

Schneider: Ein Tag als Hausmann. Herrlich. Ich freu mich drauf, werde nach meinem sommerlichen Morgenbummel mit unserem Hund noch dies und das im Ort erledigen, fürs Mittagessen einkaufen und mich später im Rhein treiben lassen.

In der Post schwatze ich ein wenig mit der netten Schalterbeamtin, in der Bäckerei hole ich Holzofenbrot, beim Rathaus läuft mir ein alter Sängerkumpel über den Weg. Wir plaudern über unsere Konzerte vor ein paar Jahren, geraten ins Schwelgen, als mein Handy tutet. Schreiber, die in unserem Atelier einen Kurs zum Schreiben von Kurzgeschichten gibt und volles Haus hat. Sie fragt: «Bringst du uns was Kaltes zum Trinken?» Kein Problem, sage ich, verabschiede mich vom Sängerknaben, kaufe kaltes Mineralwasser und steure in unser Atelier im Hirschli.

«Sie sieht mich - und verdreht die Augen.»

 

Durchs grosse Fenster sehe ich Schreiber und ihre Schreibmenschen bei der Arbeit. Schöner Anblick. Es gefällt mir, wie sie es schafft, die Leute in den Bann zu ziehen und die Lust am Schreiben zu wecken.

Ich winke, sie sieht mich und verdreht die Augen. Versteh ich nicht.

Als ich die Türe öffne, gucken alle von ihren Blättern auf.

Schreiber sagt trocken: «Das ist nicht mein Mann. Das ist der Getränkehändler.»


Schreiber: Meine Kursleute lesen gerade einander ihre Texte vor. Es geht um Spannung. Um Wendepunkte. Um Irritationen.

So gesehen ist Schneiders Auftritt eine optimale und vor allem enorm anschauliche Störung.

Er betritt unsere Schreibwerkstatt, zwei Mineralwasserflaschen unter die nackten Arme geklemmt, über der nackten Schulter ein nackter Hals, und weiter oben sein Gesicht samt breitem Grinsen.

«Im Unterhemd? Ich fasse es nicht.»

 

Es geht ihm moralisch wohl gut, modisch eher mies: Denn Schneider steckt in einem weissen Altherren-Unterhemd. Gehört, wie man hört, unter das Hemd. Er aber trägt es als Solitär. Ich fasse es nicht!

Wie kann er damit durch den Ort marschieren? Und dann in meinen Kurs mit kultivierten Schreibmenschen aus nah und fern stolpern?

Ich schlucke, überlege und mache das Beste daraus, lasse einen flotten Spruch fallen, bedanke mich für die Getränke und komplimentiere ihn freundlich, aber so rasch als möglich wieder raus. Dann erkläre ich meinen Kursleuten, dass ein Konflikt jede Geschichte spannender mache, und Figuren würden stärker, wenn sie unverwechselbar seien. So gesehen bin ich

Schneider für seinen modebewusstlosen Fehltritt dankbar: Anschaulicher kann man Kursinhalte nicht vermitteln.