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Schreiber vs. Schneider

Die alte Leier

01. Juli 2019

Schreiber: Ich bin mit einem Nostalgiker verheiratet. Nicht nur in bauhistorischer Hinsicht, sondern auch in technischer. Schneider schwärmt seit Langem von einem Plattenspieler. Einfach zur Erinnerung: Das sind diese Geräte, auf denen sich eine Scheibe auf einem Teller dreht und eine Nadel mit einem Hebel draufgesenkt wird. Dann rauscht es und knistert.

Schneider schwärmt: «Ein ganz anderes Hörvergnügen! Intensiver, bewusster!»

Ich finde, dass man auch CDs bewusst und intensiv hören könnte. Was Schneider leider nie tut, dabei schlummern zweihundert Stück im Regal. Und dort verstaubt diese erstklassige Musik langsam, aber sicher. Zudem haben wir einen formschönen CD-Spieler, der aber nur am Sonntagmorgen Haydn und Vivaldi abspielt und sonst fast nie zum Einsatz kommt, denn wir sind Radiohörer.

Ich sage also: «CDs sind kleine Platten. Sie haben ein Cover, eine Hülle, man muss sie vorsichtig behandeln und kann sich eine ganze Scheibe anhören.»

«Quatsch! Eine CD ist ohne Seele. Eine Platte hingegen hat zwei Seiten, ganz wichtig, eine Platte will Betreuung, Aufmerksamkeit, Zuwendung.»

Ist es das, was ihm fehlt? Zuwendung?

Kann er haben, einfach ohne Rauschen, dafür mit Geknister.


Schneider: Schreiber fehlt der Sinn fürs Authentische. Ich will wieder einen Plattenspieler, und was tut sie? Schwärmt auf einmal von CDs. Das beweist, dass sie völlig vergessen hat, wie exklusiv früher Musikgenuss war. Schon der Erwerb! Nachmittagelange Entscheidungsrunden, um zwanzig Franken zu investieren. Covers als Kunst. Die federnde Leichtigkeit der Nadel, die man erst nach kurzem Anpusten sanft auf die gleichmässig rotierende Scheibe ablegte. Und dann der Standort! Einen Plattenspieler muss man sehen, man muss ihn bewundern, anfassen, streicheln können.

Schreiber ist aber strikt gegen neue Geräte mit Stecker. Das sei nur der Schrott von morgen, sagt sie, meint aber nur jene Geräte, die ich gern hätte. Doch ein Plattenspieler ist etwas anderes, ein Plattenspieler bedeutet Zeit. Zeit, die wir uns alle zu wenig nehmen, um hinzuhören, voll und ganz. Und dann die pädagogische Wirkung: Unsere Töchter hören pausenlos irgendwas von irgendwem, ihre Musik kostet nichts, also ist sie eigentlich wertlos. Wie soll man da eine tiefere Beziehung zur Musik bekommen? Ich will das alles gerade Schreiber erklären, als sich mich umarmt und mir sanft ins Ohr pustet, dass es nur leise rauscht.