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Schreiber vs. Schneider

Die Welt aufräumen

18. Februar 2019

Schneider: Ein trüber Tag, der Himmel ist grau, die Luft schmeckt aber bereits nach Frühling – bilde ich mir zumindest ein. Wieder mal denke ich: Wie grossartig, dass wir uns einen Hund angeschafft haben! Ich bin zwanzig Mal mehr an der frischen Luft, im Wald, am Fluss, es ist herrlich, selbst wenn es klirrt vor Kälte oder Bindfäden regnet.
Neben mir fliesst der Rhein, einige Enten schwimmen darin und Lilla bellt: Sie will Stöcklein jagen. Also halte ich Ausschau nach einem abgebrochenen Ast. Stattdessen liegt zehn Meter vor mir eine weiss-orange Verpackung am Boden, als ich näher komme, sehe ich noch mehr Müll: ein grosser Beutel, darum herum einige kleine Tüten, in denen wohl mal Gebäck eingepackt war.
Bringt mich gleich auf die Palme. Wer schmeisst das einfach in die Natur? Ich würde am liebsten … Moment! Habe ich nicht neulich im Radio eine ältere Dame reden gehört, die jedes Papierchen aufhebt?
Das Verblüffende war: Die klang total zufrieden.
Habe ich da auch Potenzial?
Lilla schaut mich schwanzwedelnd an, als ich mich bücke, guckt aber enttäuscht, als ich danach kein Stöckchen in der Hand halte. «Später», sage ich zum Hund und knülle den Plastikkram in meiner Faust zusammen.

«Wer schmeisst das einfach in die Natur?»

 

Schreiber: «Rauchst du?», frage ich Schneider. – «Schon 20 Jahre nicht mehr, zum Glück», lacht er. – «Deine Finger stinken aber nach Zigaretten.» – «Immer noch? Ich habe meine Hände ewig gewaschen», sagt er und schnuppert an seinen Fingern. – «Seltsam, dass du vom Hundespaziergang mit Zigarettenfingern heim kommst?»
«Ich habe Müll vom Boden aufgelesen, und bis ich beim nächsten Abfallkorb war, fand ich drei Kippen, die habe ich auch gleich mitgenommen.»
«Seit wann bückst du dich für Abfall? Das ist ja ganz neu!» – «Seit heute.»
«Aha. Sonst ärgerst du dich. Vor allem, wenn ich fremden Müll auflese.»
«Stimmt. Bisher dachte ich: Wenn du die Welt aufräumst, gibst du jenen recht, die sie verdrecken.»
«Wie unsinnig!»
«Aber jetzt habe ich es kapiert. Es ist doppelt blöd, wenn ich mich über Weggeworfenes ärgere – und daran vorbeigehe.» Na, wer sagts denn, mein Schneider ist lernfähig.
«Ich habe mir sogar einen Slogan ausgedacht: Von jetzt an sage ich, wenn ich Abfall vor mir am Boden sehe: Aufheben statt aufregen! Tut total gut. Glaub mir, das solltest du auch machen!»
Echt? Ich? Vielleicht erinnert er sich mal daran, dass ich ihm das seit Jahrzehnten vormache.

«Siehe da, Schneider ist lernfähig.»