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Schreiber vs. Schneider

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20. Dezember 2019

Schreiber: Wie ich es liebe, wenn wir alle vier am grossen alten Küchentisch sitzen, fein essen, über den Alltag und alles was dazugehört reden.

Natürlich gehören dazu auch weniger tolle Dinge wie die Wäsche, die sich türmt; Teenagerzimmer, deren Fussböden vor lauter herumliegendem Zeugs nicht mehr sichtbar sind; ein Mann, der seit Wochen Schmerzen im Kiefer hat und nicht zum Arzt geht; meine betagte Mutter, die mir Sorgen macht. 

«Hm, meint er das als Kompliment?»

 

Ich sage drum: «Wisst ihr was? Heute will ich ganz speziell mit euch reden.»
Die Mädchen gucken kurz auf: «Ja, Mama, wir staubsaugen nachher.»

Ich schüttle den Kopf: «Nein. Ich will über Dinge sprechen, die wir aneinander mögen.» Gespanntes Schweigen. «Was gefällt euch an mir?»

Schneider stellt den Mangoldgratin auf den Tisch und sagt nichts. Seltsam. Fällt ihm nichts ein? Also lege ich mal los: «Mir gefällt, dass wir so viel lachen können. Oder dass du», ich schaue zu Schneider, «ein toller Vater bist.»

Unsere Teenager kreischen: «Wie kannst denn du das beurteilen!» Um dann zu rufen: «Doch, doch, er ist ein toller Papa!»

Schneider erwacht: «Mir gefällt», er guckt nun mich an, «dass du so originell bist.»

Originell? Hm, meint er das als Kompliment?

Schneider: Schreibers Idee der schönen Sätze gefällt mir. Aber seltsam: Kaum hat sie diesen Vorschlag gemacht, purzeln die Gedanken in meinem Kopf. Es stolpert ein wirrer Mix aus Besonderheiten, die ich an meiner Familie liebe, durcheinander: lustig, geistreich, herzlich, selbstironisch, einfühlsam, tatkräftig ...

«Ich schmelze wie Scheiblettenkäse!»

 

Um zu überbrücken, sage ich: «Du kochst lecker.» Meine Familie blickt enttäuscht. Zum Glück übernehmen meine Töchter. Die Ältere sagt: «An euch ist toll, dass ich immer alles sagen kann. Dass ich dich, Mama, immer anrufen kann, egal wann. Dass du, Papa, dich für mein Leben interessierst. Und dass du, Ida, mich so oft zum Lachen bringst.» Sie wird von ihrer jüngeren Schwester unterbrochen: «Papa, du motivierst mich total gut, wenn ich Angst vor Matheprüfungen habe. Alma, mir gefällt, wie du mit mir lernst und mit mir Ausflüge unternimmst.»

Ich sehe meine drei Lieblingsfrauen von uns allen schwärmen und leise sage ich: «Ich liebe euch, weil ihr alle so wunderbar gut seid.» Weiter komme ich nicht, denn ich werde in ein Familiensandwich gedrückt, in dem ich schmelze wie Scheiblettenkäse. 

Einander schöne Dinge sagen macht das Leben einfach nur schöner.