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Schreiber vs. Schneider

Innere Kämpfe

21. Januar 2019

Schreiber: Ich will meiner Tochter zu einer tollen Note in Englisch gratulieren, gehe in ihr Zimmer, aber als ich sie auf ihrem Bett liegen sehe und drum herum ein im Chaos versinkendes Zimmer, übersät mit Schulunterlagen, Klamotten, schmutzigem Geschirr, sage ich: «Du räumst jetzt mal wieder auf!»

Der schöne Moment, den ich im Sinn hatte: verflogen. Meine Tochter ist sauer und mein hinterhergeschobenes Kompliment für die gute Note nur noch schal. 

«Ich will jetzt einfach allein sein.»

 

Ich ärgere mich. Wieso kann ich nicht einfach mal nur loben? Ich gehe in die Küche, um mir ein Stück Schokolade zu holen.

«Alles in Ordnung?», fragt Schneider.

«Ich bin eine Meckertante.»

«Ich weiss», sagt er und grinst.

«Na super, ich dachte, du würdest mich aufbauen!»

«Gut, dann bist du eben keine Meckertante», ruft er fröhlich.

Mir wird ganz traurig zumute. 

«He, nimm doch nicht alles so schwer!», höre ich Schneider. Versuch ich ja, aber ich kann nicht antworten und verziehe mich in unser Zimmer. Jetzt einfach allein sein, auf den Grund sinken, nachdenken, zweifeln, Mut fassen, dann mit den Beinen kräftig abstossen, als ob man im Fluss in einen Strudel geriete, und wieder zurück an die Oberfläche in den Alltag. 

Nächstes Mal klappt es!


Schneider: Manchmal ist es nicht ganz einfach. Als Schreiber vor ein paar Minuten aus der Küche nach oben ging, war sie gut gelaunt, als sie zurückkehrte, war alles anders. Dann habe ich wohl auch noch was Falsches gesagt, sie sah ganz fertig aus und verzog sich ins Schlafzimmer. Ich warte einen Augenblick, dann gehe ich zu ihr hoch.

«Was ist denn los?» – «Ich mache alles falsch.»

Immerhin, diesmal bin nicht ich der Auslöser.

«Ich hab wohl was Falsches gesagt.»

 

«Ich wollte Alma loben, stattdessen kritisiere ich sie. Manchmal gehe ich mir selbst total auf die Nerven.»

«Nimms nicht so schwer. Unsere Teenager sind deine grössten Fans, auch wenn du nicht perfekt bist. Vielleicht gerade deswegen.» 

Sie schnieft: «Warum kann ich nicht einfach mal locker sein?»

«Weil du viel Verantwortung trägst, du schmeisst den Laden hier.»

Sie lächelt: «Echt, findest du?»

Ich nicke und finde, sie könnte jetzt zu mir sagen, dass auch ich meinen Teil vom Laden schmeisse. Sie blickt mich an: «Ganz ehrlich, ich kann das nur, weil du mich stützt, mich aufbaust, wenn ich abtauche. Wir sind ein Team. Ein echt gutes Team.»

Ich nehme sie in den Arm, da hören wir im Gang den Staubsauger starten.

Schreiber strahlt mich an, als hätte ich ihr Schmuck geschenkt.