X

Beliebte Themen

Schreiber vs. Schneider

Irrlichter

16. Dezember 2019

Schneider: Das Schmücken des Weihnachtsbaumes ist bei uns Frauensache. Ich biete im Vorfeld zwar stets meine Hilfe an, aber die wurde bis jetzt immer freundlich abgelehnt. So bin ich nicht dabei, wenn sie den Baum mit sehr viel originellem Schmuck vollhängen. Ein bunter, kitschiger, leuchtender Mix aus Kugeln und Glitter. Gefällt bestimmt nicht allen, mir aber schon. 

Und seit einem Jahr gehöre ich nun doch dazu. Zumindest halb: Ich wurde damit beauftragt, die Lichterketten nach dem Abschmücken aus dem Baum zu entfernen. Schreiber lachte noch: «Wir Frauen sind die Dekoabteilung, du bist der Abräumer.» Ich fing an, und mir verging das Lachen schnell: Fassungslos fieselte ich an Kabeln und Zweigen herum. Ohne Ergebnis, aber mit zerstochenen Fingern. Die Lichtergirlanden waren komplett logikfrei im Baum verwoben, überkreuzt und verknotet und unentwirrbar. Schliesslich griff ich zu Rebschere und Handsäge, zerlegte den guten Baum gleich in der Stube und schwor vor meiner versammelten Familie, im kommenden Jahr die Lichterketten selber in den Baum zu legen. Mit Konzept und Köpfchen. 

Das Jahr ist um, und lächelnd öffne ich die Kartonschachtel mit den Lichtergirlanden für den Baum.


Schreiber: Unser Christbaum-Team ist gewachsen: Schneider ist seit einem Jahr der Mann fürs Licht. Bevor wir loslegen, stellt er klar: «Dieses Jahr hänge ich die Ketten rein!» Er blickt entschlossen. Der Gute, letztes Jahr hatte er sich ja auch sehr ungeschickt angestellt, um die Lichtergirlanden vom Baum zu holen. Wir nicken, er doziert: «Damit sich die Girlanden nicht verwickeln, muss man methodisch vorgehen: Man arbeitet sich von oben nach unten, legt die Kette nur auf und nicht zwischendurch unter die Zweige, verzichtet auf spontane Pirouetten und sinnfreie Loopings, also kein Freestyle, sondern Disziplin!» Schneider ist noch nicht fertig: «So kriegt man die Lämpchenkabel dann leicht wieder aus dem Baum heraus und kann sie sauber in die Schachtel zurücklegen.» 

Nach dieser flammenden Rede fordert er uns auf, ihn kurz allein zu lassen, um dann sein Werk zu betrachten. 

Zehn Minuten später hockt Schneider im Wohnzimmer vor dem unberührten Baum am Boden. Er flucht leise vor sich hin. In den Händen ein wirrer Klumpen aus Lämpchen und Kabeln. Ich muss lächeln. 

Denn wer war es, der letztes Jahr die Lichtergirlanden «sauber» zurück in die Schachtel gelegt hatte? Schneider.