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Schreiber vs. Schneider

Kein Anschluss

01. April 2019

Schneider: Hier im Haus wissen alle, dass ich nicht gerne telefoniere. Das liegt mir nicht. Es stört. Ausser wenn es beruflich ist, aber heute ist Samstag, da werde ich nicht gesucht. Warum soll also ich abnehmen? Bloss weil ich direkt neben dem Telefon sitze?

Ich gucke rasch auf das Display, denn es ist nicht so, dass ich unter keinen Umständen abnehme. Ruft Schreiber an, gehe ich immer dran. Also fast immer.

Schreiber trompetet von draussen ins Haus. Sie will immer wissen, wer dran ist und denkt, dass es etwas Wichtiges sei. Das denke ich nie. Anrufe krachen ungefragt ins Leben, zerstören stille Augenblicke, platzen in Gedankenspiele.

Ich arbeite also weiter, sortiere die Buchhaltung, etwas unkonzentriert freilich, denn es klingelt ohne Ende, Schreiber brüllt weiter, jetzt brüllen auch noch die Mädchen und ich bin sauer auf den Anrufer, denn er macht aus unserem Haus in Nullkommaplötzlich ein Tollhaus. Mit so jemandem will ich erst recht nicht reden! Muss ich auch nicht. Plötzlich steht Schreiber neben mir in Werkelmontur und Stiefeln und wirft mir einen vernichtenden Blick zu.

Ich höre durch die Muschel, wer dran ist und muss grinsen. Sag ich doch: Anrufer sind Störenfriede.


Schreiber: Ich werkle draussen auf dem Vorplatz in der frischen Samstagmorgensonne. Ich liebe es, auszumisten, Krempel loszuwerden, Raum für den Frühling zu schaffen. Da höre ich unser Telefon. Es klingelt durch die offene Haustüre heraus zu mir.

Schneider arbeitet am Schreibtisch, sitzt also direkt neben dem Festanschluss. Es klingelt erneut. Ich weiss, dass im oberen Stock, wo unser zweites Telefon stationiert ist, unsere Töchter am Malen sind.

Es klingelt weiter.

Wieso nimmt niemand ab? Alle schwerhörig? Oder Stöpselmusik in den Ohren?

Es tütüüütet immer noch.

Ich lehne mich ins Haus und brülle: «Telefon! Geht mal jemand dran?»

«Unbekannter Teilnehmer!», ruft Schneider zurück.

«Na und?»

Es klingelt weiter.

«Ich schreib grad was sehr Wichtiges», sagt er.

«Und ich räum grad hier draussen auf, falls du das nicht bemerkt hast.»

Es klingelt und bimmelt unerhört.

Die Mädels brüllen von oben herunter: «Papa sitzt doch am Telefon. Er soll ran.»

Mir reichts! Ich hechte ins Haus, stürze ans Telefon, Schneider geht in Deckung. Am anderen Ende der Leitung eine Stimme, die fragt, ob ich zufrieden sei mit unserer Krankenkasse. «Krankenkasse?»

Auf Schneiders Gesicht sehe ich ein Grinsen, ein zufriedenes.