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Schreiber vs. Schneider

Mezzo Mix

07. Oktober 2019

Schneider: Zum Verwandtenbesuch gehört auch der Mercato in Portogruaro. Wir suchen einen Parkplatz, und als Italoschweizer sage ich mir: Lass den Kerl in dir entscheiden, der hier seine Wurzeln hat. Locker quetsche ich unser Auto in eine Lücke, die noch nie für ein Auto gedacht war.

Toll, mit meinen drei liebsten Frauen über den schönsten aller Mercati zu schlendern. Schreiber, die Dreivierteldeutsche, ist wie immer am Organisieren, will, dass unsere Handys an sind, schlägt trotzdem einen Treffpunkt um halb zwölf beim schiefen Kirchturm vor und schwört uns darauf ein, Taschen vor dem Bauch zu tragen.

Ja, ja. Ich spaziere los und bald umwehen mich die Düfte meiner Kindheit: eingelegte Oliven, fette Salami, süsser Latteriakäse. Dazu komme ich aber später. Ich will den Marktbesuch traditionell beginnen, winzige, frittierte Fische aus einer Papiertüte knabbern, dazu ein Glas Weisswein trinken und lautstark mit Männern quatschen, die ich nicht kenne.

Mein Onkel hat mir deutlich gesagt, an welchem Stand ich die Fischchen kaufen soll. Ich rieche sie schon. Muss nicht mal anstehen und bestelle eine sehr grosse Portion. Dann erst merke ich, was fehlt: Schreiber. Und mein Portemonnaie.

Schreiber: Schneider ist eine Matrjoschka, diese ineinander geschachtelte Holzpuppe. Die grösste Puppe ist eine schweizerische, dann folgt eine beinahe gleich grosse italienische. Die kommt jeweils gleich nach dem Gotthardtunnel ans Licht. Und bläst sich dann immer mehr auf. Auch auf dem Mercato in Portogruaro. Das beginnt schon auf dem Parkplatz: Schneider, in der Schweiz die Korrektheit in Person, klemmt unseren VW-Bus zwischen eine Schranke und einen Mülleimer. «Wir sind in Italien», ruft er, zieht breitbeinig los, kein Blick zurück. Seine Botschaft: Ich gehe, und ihr könnt gucken, ob ihr mich wieder findet. Muss genetisch sein: Ich habe auch seine italienische Mutter auf dem Herbstmarkt in Luzern nach zwei Atemzügen verloren.

Ich schaue nach, ob mein Handy Netz hat, und als ich wieder aufblicke, sind auch meine Töchter weg. Klar, die sind ja zu einem Viertel Italienerinnen.

Ich habe die Wahl: Ich nehme es locker oder ich rege mich auf. Letzteres kann ich genetisch bedingt besser.

Da klingelt mein Handy. Schneider. Wo ich denn bliebe. Und ob ich Geld hätte? Seines liege im Auto. – Ich lächle.

Ohne seine Frau ist ein Italiener nur ein halber Mann.