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Schreiber vs. Schneider

Mi(e)se en place

18. März 2019

Schreiber: Schneider hat gerne Gäste. Davon passen acht an unseren grossen Tisch und meist kennen die sich untereinander nicht einmal. Ist seine Idee, er spricht dann von Tafelrunden.

Obwohl wir schon öfter solche Einladungen gegeben haben, bin ich im Vorfeld immer sehr gestresst.

Ich frage mich: Verstehen sich die Leute? Wird der Abend rund? Und wenn nein: Wie können wir für Stimmung sorgen? Doch vor allem: Was sollen wir kochen? Und wie viel?

«Was sollen wir bloss kochen? Und wie viel?»

 

«Wir könnten doch auch einfach essen gehen, ganz locker und unkompliziert», schlage ich deshalb vor, als er gerade wieder eine Runde zusammenstellt.

Er schüttelt den Kopf: «Bei uns ist es gemütlicher und wir kochen in der Regel gut.»

«Ja, aber bloss was?»

«Uns fällt schon was ein.» Er ist wieder mal viel zu unbekümmert, und bei mir beginnt es fürchterlich zu rattern: Lammschulter? Saibling? Komplett vegetarisch? Oder deutsch? Mein Matjeshering mit Bratkartoffeln ist legendär.

Schneider meint: «Mach dir keinen Stress.»

Schon zu spät, denke ich, da fällt mir ein, dass uns vor ­Kurzem Freunde einen marokkanischen Eintopf servier- ten. War lecker! Muss unbedingt das Rezept suchen – und schon setzt das fürchterliche Rattern in meinem Kopf wieder ein.


Schneider: Am Freitag geben wir eine tolle Einladung, da bin ich mir sicher. Ich liebe es, alte, junge, ernste, lustige, kreative Gäste zu kombinieren.

Schreiber mag diese Tafelrunden auch. Aber erst hinterher. Vorher sorgt sie sich wahnsinnig wegen dem Essen.

«Machen wir doch Spaghetti, drei Saucen und einen Salat», schlage ich vor, während sie am Tisch über einem Kochbuch brütet.

Sie hebt den Kopf und sagt: «Was hältst du von einer kalten Artischockensuppe zur Vorspeise, dann Kichererbsen-Zucchini-Burger mit Frühlingszwiebeln und Kreuzkümmel und dazu …», sie blickt ins Buch und liest vor: «Geröstete Okraschoten mit Tomaten, Knoblauch und eingelegten Zitronen.»

«Hast du davon schon jemals etwas gekocht?»

Sie schüttelt den Kopf.

«Ihre Kochpanik gehört einfach dazu.»

 

«Keine Experimente mit dem Essen, wenn schon die Gästerunde experimentell ist», erkläre ich. «Wie wäre es mit Lasagne?»

«Hatten wir schon letztes Mal», sagt sie und seufzt.

«Da waren aber auch andere Leute da», erinnere ich sie. Vergeblich. Sie redet nun von Ottolenghi und von Tamarinden- eintopf, und ich habe keinen Schimmer, was sie meint. Dafür mir wird klar: An unseren Tafelrunden wird ein ungebetener Gast leider für immer mit dabei sein: Schreibers Kochpanik.