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Schreiber vs. Schneider

Mülltaucher

26. August 2019

Schneider: Ab und zu taucht mein Bruder spontan bei uns auf, was jeweils höchst vergnüglich ist. Wir sitzen auch diesmal ein bisschen he- rum, trinken was, plaudern und ganz beiläufig erzählt er, dass er zu Hause geräumt und Gerümpel entsorgt hätte. Ich nicke, weil ich weiss, wie befreiend das sein kann. «Tut gut, was?»

Er nickt ebenfalls.

Etwas neugierig bin ich aber schon: «Was hast du denn so weggeschmissen?»

«Dies und das», sagt er, zählt einige Dinge auf, und dann fällt ihm ein: «Ach, und meine alten Schallplatten.»

Ich schlucke. Schallplatten? Wie um Himmels willen kann man Schallplatten entsorgen! Noch dazu, wenn man so einen guten Musik- geschmack hat wie er? Möglichst beiläufig erkundige ich mich, wo die Platten nun seien.

«Schallplatten? Ich rette die!»

 

«Im Abfallcontainer von der Siedlung.»

«Ernsthaft?»

Er nickt. «Wer braucht im Zeitalter von Spotify noch LPs?»

Ich, zum Beispiel. Ich sage: «Zeig mir die Mülltonne!»

«Wieso?»

«Ich rette deine Platten.»

Er lacht, dann fahren wir los, und ich hoffe, dass er seine Meinung nicht doch noch ändert. Nach fünf Minuten erreichen wir die Siedlung, er zeigt auf einen Abfallcontainer. Ich schau mich um: zwanzig Balkone mit freier Sicht auf die Tonne.

Wurstegal. Ich klettere rein.


Schreiber: Eben noch waren Schneider und sein Bruder bei uns auf der Veranda ins Gespräch vertieft, dann waren sie auf einmal weg, Hals über Kopf. «Muss nach Perlen tauchen», rief mir Schneider noch zu, bevor sie davonradelten.

Nun sind sie zurück. Mein Schwager lacht sich kringelig, Schneider strahlt wie ein Plattenmillionär. Er trägt zwei Tüten Kostbarkeiten mit sich und sagt: «Ich hätte mich bis auf den Boden runter gearbeitet!» Hat er das nicht? Denn so sieht er aus: schmuddelig und staubig. Er ruft: «Ihr glaubt gar nicht, wie das Spass gemacht hat!», und guckt nun die Covers durch. Seine Augen leuchten bei jeder LP etwas mehr: «Mannomann! Neue Deutsche Welle!»

«Geschenke verstecke ich fortan im Müll.»

 

Er legt sie auf den Esstisch, ich blicke auf die buntvergilbten Kartons und seine schmutzigen Hände. Sollte er sich nicht erst einmal waschen? Oder besser noch: desinfizieren? Auch die Platten?

Beglückt brabbelt er: «Es war so spannend! Ich musste mehrere Säcke öffnen, bis ich fündig wurde!»

Der Pirat taucht nach dem versunkenen Schatz! In der Mülltonne! So etwas macht ihn also glücklich. Gut zu wissen, denke ich und beschliesse, seine Geburtstagsgeschenke fortan nicht mehr einzupacken, sondern im Müll zu versenken.