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Schreiber vs. Schneider

Musikalische Geburtswehen

12. August 2019

 

Schreiber: Entschleunigung. Welch abgenudeltes Wort! Aber die Idee dahinter ist aktueller denn je, zumindest bei uns. Denn Schneider hat sich nun endlich seinen Platten- spieler gekauft. Weil man nur damit mit Musse Musik hören könne, sagt er verzückt.

Schneider hat mir sogar verziehen, dass ich vor Jahren in einem Bastel-Anfall mit den Kindern einige Jazz-Platten im Ofen zu Schüsseln und Vasen geschmolzen hatte, worunter nicht nur er, sondern die gesamte Verwandtschaft litt: Sie wurden von uns mit seltsamen Rillen-Reliquien beschenkt.

Nun sitzt Schneider oft versonnen am Boden, begutachtet seine alten Platten, streichelt zärtlich über das Vinyl, lupft liebevoll die Nadel, schwenkt den Arm achtsam über die Platte, lächelt beim Knistern und blickt entrückt ins Leere oder auf bunt bedruckte Kartonhüllen.

«Ich muss meine alten Platten suchen.»

 

Mit dem Plattenspieler erinnert er sich an seine musikalische Vergangenheit und meint, die müsse nun auch in mein aktuelles Leben passen.

Doch ich will meine Zukunft nicht mit The Doors und JJ Cale verbringen. Zeit also, mich dringend im Estrich auf die Suche zu machen nach meiner alten Plattensammlung mit sanften Jungs wie Cat, Angelo und Elton. Schneider wird die Ohren spitzen.

Schneider: Ich gehe meine uralten Platten durch und gerate in eine Zeitschleuse: «Queen», «Dire Straits», «Genesis», «Pink Floyd», «Supertramp», «The Doors»: Ein Teil des wunderbaren Soundtracks meiner Jugend, verknüpft mit Gerüchen und Gedanken, Ängsten und Mädchen, Küssen und Mutanfällen. Ich sitze in meinem Kopfkino und schau meinem Leben als Jüngling zu, als auf einmal Schreiber auftaucht: vor ihren Bauch einen Stapel LPs gepresst, den Rücken gebogen, als wäre sie guter Hoffnung.

«Du lernst nun mich kennen, wie ich einst war», sagt sie bedeutungsschwanger, «als du noch gar nichts von mir wusstest. Darf ich?» Sie kommt meinem Plattenspieler bedrohlich nahe, legt den Stapel hin, beendet frei von jeglichem Musikgehör Mark Knopflers Gitarrensolo und legt statt- dessen eine ihrer Platten auf den Teller. Kein Fingerspitzengefühl, die Gute, hoffentlich aber Musikgeschmack als Teenie.

«Ich schaudere. Und habe schon genug.»

 

Es knistert. Ich schaudere.

Blue Eyes? Schreiber bewegt ihre Arme, als wären es Luft- ballonschlangen, strahlt wie eine Zwölfjährige und ruft: «Schön, gell?», als bei Elton John schmachtvoll die Geigen einsetzen. Sie strahlt: «Ich habe alles von ihm!»

Und ich schon genug.

Mein Plattenspieler gehört mir!