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Schreiber vs. Schneider

Nur die Harten …

10. Juni 2019

 

Schneider: Eben war es noch gemütlich, doch jetzt wirft sich Schreiber mit Karacho aus dem Stuhl im Schattenplatz, ihr Buch knallt in den Kies und sie ruft etwas, das ich nicht verstehe. Sie düst um die Hausecke und kehrt nach einer halben Minute zurück, völlig ausser Puste.
«Was war denn das?», frage ich.
«Ich habe vergessen, das Wasser abzustellen.»
«Was für Wasser?» –  «Der Schlauch. Im Biotop. Das mussten wir dringend auffüllen.»
«Und jetzt haben wir einen Sumpf drum herum, nehme ich an.»  – «Nur ein wenig», sagt sie und setzt sich wieder.
Ich lege mein Buch zur Seite und sage: «Du übertreibst.» Sie blickt konsterniert,  hebt ihr Buch auf und tut so, als würde sie lesen.
Ich fahre fort: «Natürlich verdunstet etwas Wasser im Teich, wenn die Sonne scheint. Das ist normal. So ist die Natur. Du musst nicht gleich Wasser nachfüllen.»  

Sie verwöhnt einfach zu sehr.

 

Schreiber protestiert: «Doch, der Teich braucht eben auch Wasser!»
 «Nein! Und zudem: Du musst auch nicht alle Pflanzen giessen, wenn es mal zwei Tage nicht geregnet hat.» «Bei mir vertrocknet niemand! Ich weiss eben, wann sie Durst haben.» «So, wie du immer genau wusstest, wann unsere Kinder Hunger und Durst hatten?»
«Was haben jetzt unsere Kinder mit dem Garten zu tun?»
«Das kann ich dir sagen: Du verwöhnst einfach zu sehr!»
«Ich verwöhne nicht, ich sorge mich.»
«Sie verwöhnt einfach zu sehr.»


Schreiber: Unglaublich! Da fülle ich ein bisschen Wasser nach, und Schneider deckt mich mit Vorwürfen ein. Das erinnert mich an früher. Damals hatten wir immer wieder mal gröbere Diskussionen, weil ich seiner Meinung nach unsere Kinder zu sehr verwöhnt hätte.
«Die kennen ja gar keinen Durst und kein Hungergefühl. Du bist immer schneller als ihr Bedürfnis», spottete er.

Ich verwöhne nicht, ich sorge mich.

 

Blödsinn! Als Mutter spürt man diese Dinge einfach. Er hingegen sagte immer, die Kinder müssten sich auch mal durchbeissen. Passend dazu brachte er das unsinnige Sprichwort ins Spiel: «Nur die Harten kommen in den Garten.»
Ich verwöhne nicht, ich sorge mich. Das nennt man Empathie. Wenn ich sehe, dass der Wasserpegel im Biotop sinkt, dann handle ich. Wenn unsere Löwenmäulchen in den Töpfen auf der Veranda ihr Köpfe hängen lassen, dann giesse ich – auch wenn Schneider eventuell streng durchs Gebüsch zu mir rüber starrt.
Da mich diese ziemlich unnötige Diskussion durstig gemacht hat, hole ich mir ein Glas kaltes Wasser mit frischen Zitronenmelissenblättern aus unserem Garten. Allerdings nur für mich. Ich will ja niemanden gegen seinen Willen verwöhnen. Schon gar nicht Schneider, meinen stacheligen Kaktus.