X

Beliebte Themen

Schreiber vs. Schneider

Räumen statt träumen

14. Januar 2019

Schneider: Kurz bevor ich ins Reich der Träume wegdämmere, höre ich Schreiber aus dem Bett klettern. Sie verlässt das Zimmer. 
Ich lasse die Augen geschlossen, versuche wieder abzutauchen. 

Irgendwann geht das Licht an in der Schrankkammer, die mit einer Schiebetüre zu unserem Schlafzimmer verbunden ist. Das Zimmerchen war Schreibers Idee und wurde früher als Bastelraum, Abstellkabuff oder Yogastube verwendet. Vor Kurzem hat uns ein Schreiner einen massgeschneiderten Giganto-Schrank eingebaut. Nun ist es der Lieblingsaufenthaltsort meiner Mädels. Ich seufze, taste mit der Hand auf dem Nachtkästchen nach meiner Schlafbrille, montiere sie, drehe mich zur Seite, finde es ganz angenehm, das Bett mal für mich allein zu haben, mein Atem wird ruhiger, muss morgen früh raus, drum tauche ich jetzt …

«Was zum Teufel macht sie denn da?»

 

Es raschelt, Türen klappen auf und zu, nun rattert etwas, es klickt, es rattert erneut. 

Ich ziehe mir die Schlafbrille von den Augen, blinzle, Schreibers Schatten huscht unter dem Türspalt zum Kleiderzimmer hin und her. Die Kirchenglocke beginnt Mitternacht zu schlagen, ich reisse die Decke weg, schwinge mich auf die Beine, stosse die Schiebetüre zur Seite und frage:
«Was zum Teufel machst du da?»


Schreiber: Statt mich weiter rastlos im Bett zu wälzen, stehe ich leise auf. Schneider atmet ruhig. Der hats gut. Schläft einfach.

Ich tigere durchs Haus. Könnte schreiben, lesen, Filme gucken. Da sehe ich im Gang das Wäschegestell. Vollbehängt. «Warum nicht?», denke ich und beginne es abzuräumen. Als ich einen Teil der Sachen in unserem neuen, grossen Schrank verstauen will, trifft mich der Schlag: totales Chaos. Unsere Töchter reissen immer wieder die Klamotten zum Anprobieren raus, lassen sie dann liegen oder knüllen sie zurück in die Fächer. 

Ich habe eine Mission, leere den Schrank, falte die Kleider und mache Stapel, hole das Etikettiermaschinchen aus dem Arbeitszimmer, beschrifte die Tablare: T-Shirts hell, bunt, dunkel. Ich arbeite leise und emsig, wie eine Zauberfee. Um Mitternacht ist mein Werk vollbracht. 

«Statt Beifall gibts Unverständnis.»

 

«Was zum Teufel machst du da?», höre ich Schneider, der aus dem Dunkeln auftaucht. Ich flöte: «Guck mal, wie in einer Boutique.» 

Doch statt Beifall ernte ich Verständnislosigkeit. Schneider ist nicht in der Lage, die Schönheit eines aufgeräumten Kleiderschranks zu erkennen, stattdessen sagt er: «Es ist ja erst Mitternacht: Die Werkstatt im Schopf hat auch Potenzial.»