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Schreiber vs. Schneider

Schiefer Leuchtensegen

FOTOS
Heiner H. Schmitt
04. Februar 2019

Schneider: Schreiber hat eine neue Pendelleuchte für übern Esstisch gekauft. Eine hohle Halbkugel, aussen weiss, innen goldfarben, erinnert an eine Satellitenschüssel. Sie strahlt: «Ein Designerstück. Aber nicht teuer!» Dann blickt sie an die Decke und fragt: «Soll ich den Elektriker anrufen?»

«Ich kann das», sage ich und stelle als Erstes fest, dass das Stoffkabel an der neuen Leuchte zu kurz ist. Na toll! In der Werkstatt liegt irgendwo Plastikkabel, das kann ich provisorisch verwenden, bringe Lüsternklemmen und Abisolierzange mit zurück, knipse das Stoffkabel zweimal durch, schabe mir mit dem Schraubenzieher den Finger auf, fluche, ein Kupferdrähtchen bohrt sich schmerzhaft unter meinen Fingernagel, zum Schluss sieht die Kombi aus Plastik- und Stoffkabel scheusslich aus.

«Hier gehen Geduld und Nerven verloren.»

 

Schreiber flötet aus der Stube: «Kann ich helfen, du atmest so laut?» – «Ich atme ganz normal», sage ich. «Du klingst aber etwas gereizt.» 

 «ICH BIN NICHT GEREIZT!» – «Also doch», sagt sie, taucht in der Küche auf und guckt. «Hast du die Sicherung rausgenommen?» – «Für wie doof hältst du mich?» – «Gar nicht, ich will dich einfach nicht verlieren.» – «Mich?» Ich lache gallig, verloren geht hier anderes: Geduld und Nerven.


Schreiber: Ich finds toll, dass Schneider unsere neue Lampe schwupps montiert. Früher hat so etwas bei ihm Jahre gedauert, jetzt legt er sich flott ins Zeug.

Allerdings seufzt er etwas oft. Ausserdem rennt er ständig in die Werkstatt und bringt irgendwelche Ersatzkabel zurück, weil das an der Lampe zu kurz sei. Wusste ich, darum wollte ich ja auch den Elektriker. 

Schneider steht unterdessen auf dem Küchentisch, fuchtelt, seufzt, flucht. Dann faucht er, dass ich einen völlig unüberlegten Kauf gemacht hätte, dass wir uns länger hätten Zeit lassen sollen, dass er hätte dabei sein müssen.

«Sooo günstig war die Lampe ja nicht.»

 

Nun, ich bin halt spontan. Und ja, Hängeleuchten sind eine Wissenschaft für sich. Deshalb habe ich ja auch kein teures Teil gekauft. Und sowieso: «Falls sie nicht passt, tausche ich sie um», sage ich.

«Geht nicht, ich habe das Stoffkabel zerschnitten.»

Das ist jetzt echt ärgerlich, denn sooo günstig war sie nun auch wieder nicht. Schneider fixiert einen Haken an der Decke, hängt die Lampe dran, klettert vom Tisch.

Wir gucken beide hin. Die Lampe hängt komplett schief. Schneider schimpft: «Die passt überhaupt nicht zum Raum.»

Ich sehe das anders: «Wenn wir den Raum schräg stellen, könnte es gehen.»