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Schreiber vs. Schneider

Schnupperfamilie

20. Mai 2019

Schreiber: «Sollen wir sie überraschen?», hatte Schneider am Nachmittag gefragt, und ich war sofort einverstanden. Wir machen uns also am Abend auf den Weg ins Restaurant, in dem unsere Jüngere zwei Tage als Servicefachangestellte schnuppert.

Als wir uns an den elegant gedeckten Tisch setzen, raunt uns der Chef de Service zu, die Stoffservietten habe unsere Tochter gefaltet. Kurz danach sehe ich sie: Eine junge Frau im perfekt geschnittenen Hosenanzug mit weissem Hemd. Sie stellt konzentriert einen Teller samt Silber-Cloche vor einen Gast auf den Tisch, hebt zeitgleich mit den anderen Kellnerinnen die Cloche und dreht danach den Teller so, dass das Fleisch direkt vor dem Gast zu liegen kommt. Sie strahlt und ich platze vor Stolz! Nun entdeckt uns unsere Tochter, kommt herüber und meint: «Ich hab es doch geahnt!»

«Sie strahlt – und ich platze vor Stolz!»

 

«Stört es dich?» Sie schüttelt den Kopf. Als sie uns später Brot und Butter serviert, frage ich höflich: «Könnten Sie uns noch ein bisschen mehr Butter bringen, Sie kennen mich ja.»

Ida verdreht die Augen: «Mama, seit wann siezt du mich? Echt peinlich!»

«Peinlich? Ich wollte doch nur professionell Gast spielen», sage ich, aber unsere Kellnerin ist schon wieder weg.


Schneider: War mein Einfall, Ida beim Schnuppern zu überraschen. Schreiber war einverstanden, meinte aber, dass das unserer Tochter womöglich unangenehm sein könnte.

Unangenehm? Wenn, dann wäre es eher Schreiber, die unangenehm auffallen könnte. Denn wenn sie von etwas begeistert ist, geht es mit ihr zuweilen regelrecht durch. Im Restaurant halte ich den Ball darum so flach wie möglich. Als ich aber unsere Tochter im Einsatz sehe und unsere Ältere sagt: «Sie macht es sooo gut!» Da spüre auch ich ein leichtes Kribbeln und bin ganz stolz auf meine wunderbaren Töchter, die sich so füreinander freuen. Unsere Jüngere schwebt durch den Saal – und Schreiber hebt ab: «Gib mir dein Handy.»

«Wofür?»

«Wie sie das macht, voller Anmut.»

 

«Um sie zu filmen! Heimlich!»

Ich zische: «Das macht man nicht! Und es müssen nicht alle hier im Restaurant gleich merken, dass wir komplett ausflippen, bloss weil unsere Tochter mal hier schnuppert!»

Schreiber blickt konsterniert, ist einige Augenblicke beleidigt, aber ganz schnell wieder Feuer und Flamme für unsere Tochter, und auch ich sehe verliebt zu, wie sie eine Dame anlächelt, Wasser nachschenkt, voller Anmut. Da kann ich mich nicht mehr bremsen und greife zum Handy.